Facebook kommt endgültig nach Deutschland

Facebook kommt, Holtzbrinck konzentriert die Kräfte so heise online

„Das hat mit Facebook gar nichts zu tun“. Marcus Riecke, Chef von StudiVZ[1] und SchülerVZ, will die Betriebsamkeit in dem von Holtzbrinck übernommenem Startup nicht als Vorbereitungen auf die große Übernahmeschlacht verstanden wissen. StudiVZ wird sich künftig auf Deutschland konzentrieren und die fremdsprachigen Angebote nicht mehr weiterentwickeln, erklärte Riecke in einem Gespräch[2] mit FAZ.net. Angesichts des bevorstehenden Markteintritts des US-Giganten ist allerdings schwer zu glauben, dass das reiner Zufall ist. Für die FAZ ist deshalb auch klar: Hier rüstet sich einer für das „Duell des Jahres“.

Facebook ist nicht nur das große Vorbild seines deutschen Klons, sondern auch eine veritable Bedrohung. Ohne deutschsprachiges Interface bringt es Facebook hierzulande auf 600.000 Mitglieder, nur ein Bruchteil der nach eigenen Angaben insgesamt über 60 Millionen Nutzer, in Deutschland aber immerhin reicht dies für den zweiten Platz hinter StudiVZ. Mit der deutschen Version[3], die bis März starten soll, will das Team um Mark Zuckerberg das ändern. Bei Facebook rechnet man mit einem deutlichen Impuls für die Mitgliederzahlen. StudiVZ (4,8 Millionen) und SchülerVZ (2,7 Millionen) sind da schon belebter, Tendenz steigend. Auf 20.000 bis 25.000 Neuanmeldungen täglich bringen es die beiden Netzwerke, sagt Riecke. Bis Ende des Jahres will er die Mitgliederzahl auf gut 14 Millionen verdoppelt haben.

Dabei soll ein neues, zweisprachiges (Deutsch/Englisch) Netzwerk helfen, dass die VZler nach dem Studium aufnehmen soll und auch Quereinsteigern ohne Uni-Erfahrung offen steht. Mit einem englischen Namen, den Riecke noch nicht verraten will, soll das soziale Netz über Schulhof und Campus hinaus erweitert werden. Ex-Studenten und Freunde, auch aus dem Ausland, sollen sich dort anmelden und dann über die Community-Grenzen hinweg mit den Studenten gruscheln können. FriendsVZ? Riecke sagt dazu nichts.

Wie auch immer das neue Netzwerk heißen mag, darunter steht dann eine neue Plattform, an der das Startup im vergangenen halben Jahr gearbeitet hat. Die „komplette Softwarearchitektur“ habe das Team neugeschrieben, sagt der Chef. Inwieweit die Deutschen damit den technischen Vorsprung von Facebook aufholen können, hängt auch von der weiteren strategischen Ausrichtung ab.

StudiVZ will sich für externe Entwickler öffnen. Riecke ist dabei offenbar noch unentschlossen, ob das über eine proprietäre Schnittstelle passieren soll oder das Unternehmen dem Standard Open Social[4] beitritt. Damit wären Anwendungen für StudiVZ auch auf anderen Plattformen nutzbar. Auf der anderen Seite weist Riecke darauf hin, dass erfolgreiche proprietäre Anwendungen als Differenzierungsmerkmal für StudiVZ sprechen könnten. Eine Entscheidung sei noch nicht getroffen, sagt Riecke, „die Chancen für einen Beitritt zu Open Social stehen aber sehr gut“.

Bei der Holtzbrinck-Gruppe ist man nun offenbar dazu übergegangen, die Ressourcen auf die Verteidigung der bisher unangefochtene Marktstellung des Zöglings[5] gegen den Angriff aus USA zu konzentrieren. Das internationale Geschäft spiele nur noch eine „Nebenrolle“, räumt Riecke ein. „Wir konzentrieren uns voll auf den deutschsprachigen Raum“. Im Ausland hat StudiVZ – außer in Polen – nie richtig ein Bein auf den Boden[6] bekommen. Kleinere Mitbewerber mit ähnlichen Schwierigkeiten auf dem Auslandsmarkt haben ihre Bemühungen gleich ganz aufgegeben.

Jetzt kommt auch bei StudiVZ das Aus auf Raten. Die Auslandsportale sollen weiterlaufen, aber nicht mehr weiterentwickelt werden. Aus Publicitygründen, vermuten Branchenkenner, verzichtet Holtzbrinck noch auf eine Schließung. Ob die vorläufige Bestandsgarantie noch gilt, wenn das neue internationale Portal startet, wird zu beobachten sein.

Mit der Konzentration der Kräfte will das Unternehmen nun auch endlich den Beweis antreten, dass sich die Milliarden Klicks auf den Portalen gewinnbringend vermarkten lassen. StudiVZ und SchülerVZ stehen mit jeweils über 5 Milliarden Seitenabrufen (Dezember) an der Spitze der IVW-Liste; auch bei den Visits finden sich beide Portale unter den ersten Zehn. Angesichts dieser enormen Reichweite[7] sind die Umsätze noch recht mager. Einen einstelligen Millionenbetrag habe StudiVZ im vergangenen Jahr eingenommen, sagt Riecke. Branchenkenner gehen von Umsätzen in der Größenordnung von 1 Euro pro Mitglied aus.

Das ist zu wenig. Vor allem angesichts der Spekulationen, der mit Microsoft-Millionen[8] (und Samwer-Geld[9]) ausgestattete US-Konkurrent wolle StudiVZ übernehmen. Riecke setzt auf das Commitment bei Holtzbrinck und verweist auf die Investitionen des Verlags. Eine Garantie, dass Holtzbrinck einem guten Angebot widerstehen kann, ist das nicht. Wohl auch deshalb will Riecke sein Unternehmen endlich profitabel machen. StudiVZ sei schon am Break Even, das Schüler-Portal und das Auslandsgeschäft noch nicht. Letzteres dürfte die Bilanzen nicht mehr lange belasten. Mit dem neuen Portal und der Konzentration aufs Kerngeschäft soll der Umsatz sich in diesem Jahr verdrei- oder vervierfachen.

Wie das gehen soll, verrät der StudiVZ-Chef[10] nicht. Denn bei den Bemühungen, ihre klickstarken Portale zu vermarkten, stoßen die Community-Betreiber schnell auf eine kleine Schwierigkeit: Das Produkt lebt und hat eine Meinung, die es auch gerne und lautstark verkündet. Mark Zuckerberg, Lars Hinrich und auch Riecke können davon ein Lied singen: Ihre ausgeklügelten Vermarktungsstrategien werden von einer gerne mal zickigen Community nicht ohne weiteres akzeptiert.

Es geht um die Erhebung und Nutzung von Daten in den Communities. Aus der Perspektive der Werbebranche sind soziale Netzwerke eine wahre Goldgrube. Doch sind die Netzwerker nicht völlig arglos im Umgang mit ihren Daten: Zwar geben sie je nach Umfeld eine Menge[11] über sich preis, wollen bei der Verwertung dieser Daten auch aber ein Wörtchen mitreden.

Facebook musste die umstrittene Werbung[12] in den Newsfeeds (die so oder ähnlich auch bei StudiVZ zu erwarten sein dürfte) zuletzt so ändern, dass sie global deaktiviert werden kann – nicht das erste Mal[13], das Zuckerberg den Canossa-Gang zur eigenen Community antreten musste. Auch Xing musste die Zwangswerbung für zahlende Nutzer nach Protesten[14] wieder abschalten. Und StudiVZ jüngster Versuch[15], sich die Datennutzung per AGB absegnen zu lassen, scheiterte spektakulär. Jetzt hat die Community neue Geschäftsbedingungen. Und das Unternehmen eine neue Kanzlei – die alte wurde gefeuert.

Die Datenschutzproblematik[16] wird bei StudiVZ inzwischen als das erkannt, was sie ist: ein mögliches Killer-Kriterium für das Geschäftsmodell. Vorbei sind die Zeiten des nicht nur in Sachen Datenschutz sorglosen Ehssan Dariani, dem von Holtzbrinck im März vergangenen Jahres vor die Tür gesetzten[17] Gründer. Damals hieß es, er solle in den neu zu bildenden Aufsichtsrat rücken. Von einer Umfirmierung, einem Aufsichtsrat oder Dariani ist aber bisher nichts zu sehen. Wie auch immer: Einen runden Tisch mit Wettbewerbern, Politikern sowie Daten- und Jugendschützern, wie er dem StudiVZ-Chef vorschwebt[18], macht man auch besser ohne Dariani.

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