Facebook gegen StudiVZ

Das Duell des Jahres im Internet

Von Holger Schmidt in FAZ Online

27. Januar 2008 Es ist das Duell des Jahres im Internet: Das soziale Netzwerk Facebook kommt auf den deutschen Markt und greift den Branchenprimus StudiVZ an. Die deutsche Studentengemeinschaft ist zwar 2005 als Facebook-Kopie entstanden, aber heute könnten die Voraussetzungen kaum ungleicher sein: Facebook ist der technische Überflieger der Branche, hat die Unterstützung von Microsoft und mehr als 100.000 Softwarentwicklern im Rücken, aber wegen der fehlenden deutschsprachigen Version bisher nur 600.000 Mitglieder in Deutschland. StudiVZ hat sich seit dem Start technisch kaum weiterentwickelt, dafür aber enorm viele Mitglieder gewonnen: 4,8 Millionen Menschen nutzen StudiVZ und schon 2,7 Millionen Schüler den Ableger SchülerVZ.

In diesem Jahr kommt es zum offenen Schlagabtausch: „Die deutsche Version wird in den nächsten Wochen kommen, spätestens Ende März“, sagte Matt Cohler, der für die Strategie zuständige Vizepräsident von Facebook, dieser Zeitung am Rande der Burda-Konferenz „Digital Life Design“. Cohler ist als Mitarbeiter Nummer sieben einer der engen Vertrauten des Gründers Mark Zuckerberg.

StudiVZ rüstet auf

Doch StudiVZ ist gewappnet und stellt sich rechtzeitig zu Facebooks Deutschland-Debüt neu auf: Die Gründung eines weiteren Netzwerkes oberhalb von StudiVZ, die Öffnung für externe Softwareentwickler und die volle Konzentration auf Deutschland – was faktisch den Rückzug aus dem Ausland bedeutet – sollen die Mitgliederzahl der drei Marken auf mindestens 14 Millionen bis Jahresende im deutschsprachigen Raum katapultieren, sagte der StudiVZ-Vorstandschef Marcus Riecke dieser Zeitung.

StudiVZ verlässt sich nicht allein auf die Netzwerkeffekte, die Nutzer umso stärker an eine Online-Gemeinschaft bindet, je mehr Freunde und Bekannte ebenfalls dort präsent sind, sondern rüstet auch seine Technik auf. „Wir haben in den vergangenen sechs Monaten unsere gesamte Softwarearchitektur komplett umgeschrieben. Die neue Software wird im ersten Quartal zum Einsatz kommen. Dann können wir neue Funktionen viel schneller entwickeln als bisher und auch Schnittstellen für externe Entwickler anbieten. Zudem werden wir neue Optionen zum Schutz der Privatsphäre anbieten. Mitglieder können zum Beispiel künftig ausschließen, dass Personalleiter ihre Partyfotos sehen“, sagte Riecke (Das komplette Interview mit Marcus Riecke lesen Sie hier).

Strategischer Schachzug

Gerade die Technik galt bisher als Facebooks großer Vorteil. „Wir haben ein hochentwickeltes technisches System geschaffen, das unsere Wettbewerber nicht haben. Facebook versetzt die Menschen in die Lage, Informationen effizienter auszutauschen und miteinander zu kommunizieren als alle anderen sozialen Netzwerke“, sagte Cohler.

Im Zentrum stehen die vielen Zusatzprogramme externer Entwickler. „100.000 Entwickler haben mehr als 10.000 Anwendungen geschrieben. 140 dieser Programme haben mehr als eine Million aktiver Nutzer. Und mehr als 90 Prozent unserer 60 Millionen aktiven Nutzer hat mindestens eine Anwendung eines externen Entwicklers installiert“, sagte Cohler. Diese Öffnung für externe Entwickler war der große strategische Schachzug von Facebook im vergangenen Jahr und hat das Wachstum des Netzwerks stark beschleunigt.

Zauberwort Personalisierung

Daher sind inzwischen fast alle großen sozialen Netzwerke wie Myspace oder Xing dem Beispiel gefolgt und haben sich der Open-Social-Initiative von Google angeschlossen. Diesen Schritt holt StudiVZ nun wohl nach: „Wir haben die Entscheidung noch nicht endgültig getroffen. Die Chancen für einen Beitritt zu Open Social stehen aber sehr gut“, sagte Riecke. Dort könnte StudiVZ dann auch wieder auf Facebook treffen. „Open Social steht noch ganz am Anfang und muss erst einmal richtig seine Arbeit aufnehmen. Wenn es funktioniert und gut ist, kann ich mir durchaus vorstellen, dass wir Open Social beitreten“, sagte Cohler.

Der Facebook-Manager hofft nun auf die Phantasie der deutschen Softwareentwickler. „Sobald wir Facebook in Deutsch anbieten, werden wir auch Anwendungen für Deutschland sehen. Aber was heißt für Deutschland: Anwendungen für Menschen in Frankfurt oder in München. Der Personalisierung und Lokalisierung unseres Angebotes messen wir eine große Bedeutung bei“, sagte Cohler.

Die ehemaligen StudiVZ-Investoren arbeiten nun für Facebook

Facebook ist so selbstbewusst, dass es in Europa weiter aus eigener Kraft wachsen will. „Es ist sicher möglich, dass wir andere soziale Netzwerke in Europa übernehmen werden – aber das liegt nicht in unserem Fokus“, sagte Cohler. Mit Ausnahme des deutschen Marktes sind Akquisitionen auch gar nicht nötig, denn allein mit der englischsprachigen Version hat das Unternehmen 17 Millionen Mitglieder in Europa gewonnen, vor allem in England.

Hohe Marktanteile hat Facebook aber auch in der Türkei, Frankreich, Norwegen und Schweden erreicht. Nur in Deutschland hat wohl der Erfolg von StudiVZ den Siegeszug verhindert. „Facebook ist ein sehr persönliches Instrument, und dafür möchten die Menschen gerne ihre eigene Sprache nutzen. Wir erwarten, dass sich das Wachstum in Deutschland signifikant erhöhen wird, wenn wir mit einer deutschen Version am Markt sind“, sagte Cohler. Konkrete Zahlen will er aber lieber nicht nennen. Ganz ohne Hilfe kommt aber auch Facebook nicht aus: Das Unternehmen hat sich die Dienste der erfahrenen deutschen Internet-Investoren Alexander, Marc und Oliver Samwer gesichert, die einst StudiVZ finanziert und dann an Holtzbrinck verkauft haben.

Schwierigkeiten im Ausland

Wie schwierig der Aufbau eines sozialen Netzwerkes im Ausland sein kann, hat auch StudiVZ erfahren müssen. Das Holtzbrinck-Unternehmen hat sich zwar auch ins Ausland getraut und dabei ganz bewusst die starken Facebook-Länder ausgelassen. Genutzt hat es wenig: Mit Ausnahme von Polen hat die Studentengemeinschaft kaum Erfolg. Jetzt zieht das Unternehmen die Konsequenz: „Wir konzentrieren uns voll auf den deutschsprachigen Raum. Hier haben wir die Marktführerschaft und wollen diese Position auszubauen. Das internationale Geschäft spielt im Augenblick eine Nebenrolle für uns“, sagte Riecke.

Zwar soll das neu zu gründende soziale Netzwerk in deutscher und englischer Sprache angeboten werden, aber auf Deutschland fokussiert bleiben. „Wir werden unmittelbar nach dem Übergang auf die neue Softwarearchitektur unsere VZ-Markenfamilie in dem Segment oberhalb von StudiVZ erweitern. Die neue Marke richtet sich an alle Freunde unserer StudiVZ-Nutzer, die nicht mehr studieren oder gar nicht studiert haben. Wir haben inzwischen 4,8 Millionen Mitglieder auf StudiVZ, aber in Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt es nur 3,5 Millionen Studenten. Wir bedienen also schon heute ein Segment mit einer Marke, die eigentlich gar nicht für diese Nutzer vorgesehen ist. Das korrigieren wir jetzt“, sagte Riecke. Er erwarte, dass viele ehemalige Studenten die neue Marke bevorzugen. „Dort können die Nutzer zum Beispiel auch ihre Arbeitgeber-Kontaktdaten sehr viel ausführlicher angeben“, sagte Riecke. Ein Geschäftsnetzwerk wie Xing soll die neue Gemeinschaft aber nicht werden; die private Kommunikation stehe im Vordergrund. Nicht zufällig besetzt die neue Gemeinschaft genau das Nutzersegment, das auch Facebook anpeilt.

Das Duell der Vermarkter

Die Entscheidung zwischen StudiVZ und Facebook zieht noch ein nicht minder spannendes Duell nach sich, nämlich das der Vermarkter, die für die Werbeumsätze sorgen müssen. StudiVZ wird weiterhin vom Holtzbrinck-Vermarkter GWP betreut, Facebook arbeitet mit Microsoft zusammen. „Wir beginnen im Februar mit der Facebook-Vermarktung. Dann bekommen die deutschen Nutzer erstmals deutsche Werbung zu sehen“, sagte Markus Frank, Microsofts Verlaufsleiter für Online-Werbung in Deutschland.

Ein Selbstläufer ist die Vermarktung der beliebten Netzwerke aber beileibe nicht. „Die gesamte Industrie sucht nach wie vor nach einer Vermarktungsmöglichkeit für soziale Netzwerke. Die Akzeptanz der Nutzer für Werbung ist niedriger als auf redaktionellen Inhalteseiten. Entsprechend liegen die Preise je tausend Kontakte im unteren einstelligen Bereich. Das geht dann sehr schnell in die Restplatzvermarktung hinein“, sagte Frank der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Auch StudiVZ arbeitet noch nicht profitabel, hofft aber auf den Durchbruch in diesem Jahr. „Wir haben 2007 einen einstelligen Millionenbetrag an Werbeerlösen erreicht. Wir werden diese Zahl aber 2008 mindestens verdrei- oder vervierfachen“, sagte Riecke.

Verletzte Privatsphäre?

In der heiklen Frage des Datenschutzes haben beide Netzwerke aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt. „Den Datenschutz nehmen wir sehr ernst. Unser Datenschutzbeauftragter Chris Kelly arbeitet mit den Behörden in verschiedenen Ländern der Welt zusammen, damit alle rechtlichen Bestimmungen eingehalten werden“, sagte Cohler. Daher wird Facebook auch sein umstrittenes System Beacon in Deutschland einführen. Beacon teilt den Freunden eines Nutzers mit, ob dieser bei angeschlossenen Online-Händlern ein Konzertticket oder Buch gekauft hat. Dagegen hatten die Nutzer scharf protestiert, weil sie ihre Privatsphäre verletzt sahen.

Das war für Facebook aber kein Grund, Beacon abzuschaffen. „Wir haben beim Start einen schlechten Job in der Kommunikation gemacht: Nach den Protesten der Nutzer haben wir Dinge geändert, vor allem die Möglichkeit geschaffen, Beacon für einzelne Transaktionen oder komplett auszuschalten. Wir sind aber weiterhin der Meinung, dass Beacon ein nützliches Instrument für die Nutzer ist. Es ist nur die Frage, ob der Nutzer die Kontrolle über das Instrument hat. Beacon wird daher auch in Deutschland von Anfang an eingesetzt werden. Wenn ein Nutzer seinen Freunden mitteilen möchte, dass er Kinokarten für Freitagnacht gekauft hat, kann er dies via Beacon tun – oder auch nicht. Ganz wie er will“, sagte Cohler. Deutsche Partner für Beacon hat Facebook aber wohl noch nicht.

 

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