Möglichkeiten und Perspektiven des Umgangs mit Patienten, bei denen der Zahnarzt mit seinem Latein am Ende ist

Konsiliardienst hilft Leid, Frust und Kosten bei allen Beteiligten zu vermeiden

Dr. Joachim Stoffel über Möglichkeiten und Perspektiven des Umgangs mit Patienten, bei denen der Zahnarzt mit seinem Latein am Ende ist (aus dZW)

„Die frustrierenden und belastenden Erfahrungen mit den ‚Psychos‘ macht ja fast jeder Zahnarzt in seiner Praxis!“ Dieses Zitat aus berufenem Munde soll Ausgangspunkt sein für diese kleine Serie und für Antworten auf folgende Fragen: Gibt es vernünftige Gründe, sich überhaupt mit psychosomatisch leidenden Patienten zu befassen? Bei welchen Patienten/Beobachtungen spielt die Seele eine Rolle? Welche Erklärungen gibt es für die Zusammenhänge zwischen bewussten/unbewussten Motiven einerseits und Verhalten beziehungsweise körperlicher Ausdrucksform andererseits? Wie kann man Patienten helfen, bei denen man mit seinem Latein eigentlich am Ende ist? Welche Konsequenzen hat dies für den einzelnen Zahnarzt und für den Berufsstand?

Ging es im ersten Teil (DZW 10/08) um die allgemeine Situation von Zahnarzt und Patient und darum, was dazu führen kann, dass Menschen psychische Belastungen und seelische Störungen in körperliche Krankheitssymptome umwandeln, sie somatisieren, standen im zweiten Teil (DZW 11/ 08) die diagnostischen Möglichkeiten in der Praxis im Vordergrund. Was der Allgemeinzahnarzt darüber hinaus tun kann, wie er seine Verdachtsdiagnose dem Patienten mitteilen und ihm Hilfsangebote vermitteln kann und wie diese aussehen, aber auch, wo die Grenze ist, bis zu der er einen (uneinsichtigen) Patienten behandeln kann und muss, darauf wird im dritten und abschließenden Teil dieser Serie eingegangen.

Ein entscheidender Punkt für jeden weiteren Erfolg ist die angemessene Mitteilung der vorläufigen Verdachtsdiagnose (Arbeitshypothese) an den Patienten. Grundsätzlich gilt für die Aufklärung bei psychosomatischen Patienten: Greifen Sie die Begriffe des Patienten auf. Sagen Sie, was ist, nicht, was nicht ist. Verheerend ist die Formulierung „Es ist nichts!“, falsch die Aussage „Es ist psychisch!“. Besser ist ein Angebot an den Patienten: „Sollen wir darüber sprechen, wollen Sie Näheres wissen, oder genügt es Ihnen, wenn ich Ihnen sage, dass kein zahnmedizinischer Befund vorliegt?“ Streben Sie allgemeingültige Erklärungsmodelle an. Unverfänglich ist dabei der Hinweis auf Stress, der ebenfalls als „Überlastung“ des Systems als Beschwerdeursache in Frage kommt und sozial akzeptiert ist. Anhand von Parafunktionen zum Beispiel lassen sich psychosomatische Zusammenhänge leicht erklären.

Die persönliche Konfrontation mit dem psychosomatischen Aspekt sollte „scheibchenweise“ erfolgen. Professionelle Hilfsangebote werden vorsichtig ins Gespräch gebracht: „Ich kenne da einen Kollegen, der hat sich auf solche Beschwerden spezialisiert“.Zeigt der Patient sich hier uneinsichtig und verweigert er sich, so ist dies sein gutes Recht. Er trägt dafür allerdings auch die alleinige Verantwortung. Für den Zahnarzt ist dann an dieser Stelle die Behandlung beendet!

Im günstigen Fall aber wird der Patient auf die Erklärungen seines Zahnarztes eingehen. Was nun? Den Patienten in eine Zahnklinik schicken? Das ist natürlich sinnvoll, wenn diese in zumutbarer Entfernung zu erreichen und dort die notwendige „psychosomatische Grundkompetenz“ vorhanden ist – diese ergibt sich keinesfalls zwingend aus der dortigen Präsenz von Forschung und Lehre alleine.

Die meisten Menschen leben allerdings auch in Deutschland im weitesten Sinne „auf dem Lande“, und nicht ohne Grund ist deshalb auch in der Allgemeinmedizin die psychosomatische Grundversorgung bei entsprechend weitergebildeten niedergelassenen Praktikern angesiedelt, die diese Grundversorgung in Form eines Konsiliardienstes anbieten können. Psychosomatik ist in letzter Konsequenz also auch ein eigener Schutz vor unnötig hohem Zeitaufwand durch Fehldiagnosen und Fehlbehandlungen und den daraus resultierenden Kosten, insbesondere durch Regresse und Schadenersatzforderungen.

Und nicht zuletzt dient gerade die praktische psychologische Weiterbildung durch die Mitarbeit in Balintgruppen nicht nur dem Verstehen „schwieriger Fälle“, sondern auch der eigenen Psychohygiene und der Minderung des Burn-out-Risikos. Wer Fortbildungen anbietet, sollte unabhängig von (berufs-)politischen Gruppierungen und Ideologien sein – selbst bei führenden und namhaften Einrichtungen ist dies nicht immer selbstverständlich.

Die Fachverbände sollten neben Forschungsförderung und berufspolitischer Unterstützung der niedergelassenen Kollegen für diese insbesondere Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten schaffen und dazu ein breit gefächertes Angebot an Referenten vorhalten, deren Auswahl sich ausschließlich an nachgewiesenen Kompetenzen und Erfahrung orientiert.

Die Kostenträger sind gut beraten, wenn sie die hier engagierten Zahnärzte unterstützen. Letztlich ist hier jede Kostenübernahme auf lange Sicht eine Kostenersparnis. Auch könnte dieser Bereich wie nur wenige andere geeignet sein, die Forderungen des Gesetzgebers nach Kooperationsmodellen mehrer Kollegen im Sinne eines (beauftragten) Konsiliardienstes zu erfüllen. Insbesondere hier ist die Aufsicht der politischen wie medialen Öffentlichkeit gefordert.

Dr. Joachim Stoffel, Sonthofen

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