Die Angst der Studenten vor Bachelor und Master

Die Angst der Studenten

„Das schaffe ich nie“

Die neuen Bachelor- und Master-Studiengänge überfordern viele Studierende. Hoffnungslosigkeit, Resignation, Schlaf- und Essprobleme machen sich breit.
Von Georg Etscheit


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Lernen und voran kommen: Fehlentscheidungen seien bei den neuen Studienmodellen nicht vorgesehen, bemängeln Kritiker. Das setze die Studierenden unter Druck.
Foto: sueddeutsche.de

Ade Magister und Diplom! Willkommen Bachelor und Master! Die Revolution an den Hochschulen hat viele Studentinnen und Studenten verunsichert. Solche, die noch nach den alten Regeln studieren, und solche, die schon in Bachelor- oder Master-Programmen eingeschrieben sind.

Fragen über Fragen. Kann ich noch in Ruhe meinen Magister zu Ende studieren? Wie funktioniert ein Bachelor-Studium? Wie kann ich das komprimierte Bachelor-Programm mit einem Nebenjob vereinbaren? Wie kann ich in einen weiterführenden Master-Studiengang aufgenommen werden? Was ist mein altes Diplom noch wert? Wie kommt der Bachelor bei Arbeitgebern an?

Es gibt Menschen, die über diese Fragen sogar krank werden. Um sie kümmern sich die Psychosozialen und Psychotherapeutischen Dienste an den Hochschulen. „Erhöhten Beratungsbedarf“ stellen die Studentenwerke fest, seit die Reform in Gang gekommen ist. „Die Kommilitonen sind hochgradig verunsichert“, sagt Andrea Hoops, stellvertretende Generalsekretärin des Deutschen Studentenwerks, der Dachorganisation der Studentenwerke in Berlin. Die „Erfolgsrezepte“, sprich das Erfahrungswissen von Eltern und Lehrern taugten nicht mehr in der schönen neuen Bologna-Welt. „Die haben ja meist das angelsächsische System gar nicht kennen gelernt.“ Deshalb seien die Studentenwerke mit ihrem Beratungsangebot besonders gefordert.

„Wir wollen aber nicht nur Krisenintervention betreiben“, sagt Hoops. Künftig komme es darauf an, die Studenten noch stärker als bisher zu coachen. Und zwar mit zeitgemäßen Angeboten, etwa zu Zeitmanagement, Lerntechniken oder effektiver Gruppenarbeit. Immer häufiger müssen die Studentenwerke auch die Selbstorganisation der Kommilitonen anstoßen. Früher hätten sie sich selbst zusammengeschlossen, sagt der Geschäftsführer des Kölner Studentenwerks, Peter Schink. „Heute gibt es viel mehr Einzelkämpfer, die sich nicht gerne in die Karten schauen lassen.“

Dem Psychologen Klaus Krzyszycha vom Berliner Studentenwerk rennen zur Zeit besonders Studenten die Türe ein, die noch einen traditionellen Magister- oder Diplom-Abschluss anstreben und unter großem Zeitdruck stehen. „Die haben nach den alten Regeln angefangen, weil ihnen Bachelor oder Master zu unsicher waren. Jetzt laufen diese Ausbildungsgänge aus. Das setzt viele unter einen wahnsinnigen Leistungsdruck.“ In sehr knapper Zeit müssen jetzt Referate und Hausarbeiten angefertigt, Scheine erworben werden. Der Stress führe vor allem zu Problemen mit dem Selbstwertgefühl. „Ich bin nicht gut genug, ich schaffe das nicht“, lauten die Hilferufe.

Einen noch größeren Ansturm Hilfe suchender Hochschüler erwartet der Berliner Psychologe, wenn die gestuften Programme erst einmal voll etabliert sind. „Man muss von Anfang an funktionieren“, sagt Krzyszycha. Die neuen modularen Studiengänge sind viel verdichteter und stärker verschult als die alten Diplom- und Magister-Laufbahnen.


Anwesenheitspflicht und ständige Prüfungen sind die Regel. Schließlich sollen die angehenden „Undergraduates“ in spätestens drei Jahren ihren ersten „berufsbefähigenden“ Bachelor-Abschluss in der Hand halten. „Der klar vorgegebene Studienverlauf schürt Ängste zurückzubleiben und den Anschluss an die anderen zu verlieren“, ergänzt Hans-Werner Rückert, Leiter der Zentraleinrichtung Studienberatung und Psychologische Beratung der Freien Universität (FU) Berlin. Der Erfolgsdruck sei enorm, insbesondere dann, wenn nur 30 Prozent der besten Bachelor-Absolventen ein Master-Studium anschließen dürften. Bummelei oder Fehlentscheidungen bei der Wahl der Studienrichtung könnte sich künftig niemand mehr leisten. Wenn dann auch noch, wie in den meisten Bundesländern geplant, Gebühren fürs Erststudium erhoben werden, können versiebte Prüfungen oder ein Fachwechsel richtig teuer werden.

Auch Petra Holler, Psychologin beim Münchner Studentenwerk, erwartet einen starken Zuwachs an Klienten in ihrer Sprechstunde. Zunächst seien die neuen Turbo-Studiengänge für viele zwar attraktiver als die manchmal zu großen Freiräume, mit denen sich Studierende bislang herumschlagen mussten. „Doch der Vorteil ist teuer erkauft“, sagt Holler. Jetzt drohten Stress und Überlastung, die Kommilitonen krank zu machen. Typische Symptome für ein „akutes Erschöpfungssyndrom“ seien Ängste, Hoffnungslosigkeit, Resignation, Schlaf- und Essprobleme sowie vegetative Störungen.

Wie die Zukunft aussehen werde, sei schon heute stark verschulten Studiengängen wie Tiermedizin oder Pharmazie abzulesen. „Die jungen Leute leiden hier unter immensen Anforderungen.“ Holler bedauert, dass der Persönlichkeitsentwicklung als Wert an sich in der Universität der Zukunft offenbar kaum mehr Bedeutung beigemessen wird. „Das Studium wird zum Durchlauferhitzer. Zeit zur Persönlichkeitsbildung und zur Förderung sozialer Kompetenzen ist nicht vorgesehen“

Nach Einschätzung von Rückert sind Deutschlands Hochschulen nur mangelhaft auf die neuen Herausforderungen vorbereitet. Um ein Bachelor-Studium in der vorgegebenen, kurzen Zeit erfolgreich abzuschließen, seien nicht nur eine „intensive akademische Betreuung im Fach“, sondern auch „begleitende Beratungsservices erforderlich“. Rückert verweist auf die gut ausgebauten „Counseling Centers“ in den USA. In der New York University etwa würden rund 20 Prozent der Undergraduates eine Beratungsdienstleistungen wahrnehmen. Für die FU Berlin bedeute dies, dass etwa 3600 statt bisher nur 900 Undergraduate-Studierende eine Beratung in Anspruch nehmen würden. Dies scheitere aber allein schon an der personellen Ausstattung.

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