Zum Studieren in den Osten

Renate Nimtz-Köster schreibt auf Spiegel Online über das Flair von Transsylvanien

In Rumänien sind Gaststudenten noch Pioniere. Multikulti gibt es in Klausenburg: Die Universität Babes-Bolyai zählt zu Europas Uni-Perlen. Die Dozenten unterrichten in vier Sprachen, die Studenten profitieren von der Aufbruchstimmung in einer alten Kulturstadt.

Der Name Cluj entlockte den meisten Studenten im Raum nur Gelächter. Selbst der Erasmus-Fachberater sei „ein bisschen verlegen“ gewesen, als er auf der langen Wahlliste für das Auslandsstudium zuletzt bei Rumänien ankam, erinnert sich Christian Eibl. Nach Städten wie Paris, Madrid, Lissabon oder Rom schien das transsylvanische Cluj (gesprochen Kluusch) nicht sehr verlockend.

„Das hat mich gerade gereizt“, sagt Christian. Der 29-Jährige ist an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) für Politik, Volkswirtschaft und Psychologie eingeschrieben. Vergangenes Wintersemester ging er als erster Erasmus-Student der LMU an die Partner-Uni in Rumänien.

„Hier ist vieles ganz anders“, erzählt er. „Wer täglich etwas Neues und Spannendes entdecken möchte, ist hier richtig.“ Rumänien ist im Aufbruch, und das quirlige Cluj, nach der Hauptstadt Bukarest das zweitgrößte Finanzzentrum des Landes, mittendrin: Verspiegelte Prachtbanken schießen aus dem Boden, gestylte Cafés und Handy-Läden säumen die Boulevards der schönen Altstadt. Dazwischen rösten alte Hutzelfrauen Maronen und Mais.

Pendeln zwischen drei Sprachen und vier Fakultäten

Insgesamt rund 100.000 Studenten, fast ein Drittel aller Einwohner, machen Cluj zu einer jugendlichen Metropole. Die größte und älteste der fünf staatlichen Hochschulen ist mit 51.000 Studenten die Babes-Bolyai-Universität (BBU), die Christian und 27 andere deutsche Erasmus-Studenten besuchen. 119 deutsche Kommilitonen sind insgesamt an der BBU eingeschrieben. In deutscher Sprache studieren zudem 1073 Rumänen. Mehrsprachigkeit ist in der Stadt, die mit ihren drei offiziellen Ortsnamen Cluj-Napoca (rumänisch), Kolozsvár (ungarisch) und Klausenburg heißt, Tradition.

Erasmus-Student Christian etwa pendelt zwischen drei Sprachen und vier verschiedenen Fakultäten. Politik belegt er auf Englisch, Europastudien und Wirtschaft auf Deutsch, überdies lernt er Rumänisch bei den Literaturwissenschaftlern, in der „Facultatea de Litere“. Der Münchner findet es „einfach unhöflich, wenn man sich nicht die Mühe macht, die Landessprache zu erlernen“. So weiß er, dass Rumäninnen von Männern auch heute noch mit „Sarut mâna“, dem altösterreichischen „Küss die Hand“, gegrüßt werden möchten – und nicht etwa mit dem simplen „Guten Tag“.

Der Sprachenmix in der Region, in der einst auch die Siebenbürger Sachsen siedelten, ist über die Jahrhunderte hinweg entstanden. Die BBU hat dieses Erbe nach der Wende zum Programm gemacht: Multikulturell wird hier gelehrt und gelernt, in rumänisch-, ungarisch-, deutsch- und auch englischsprachigen Studiengängen. „Wir waren Pioniere“, sagt Andrei Marga, ehemals rumänischer Bildungsminister, nun Rektor der Universität. Mit vier deutschen und 140 ungarischen Professoren – zusätzlich zu den rumänischen Lehrern – startete die Uni 1995/96 ihr in Europa einzigartiges Modell.

„In internationalen Beziehungen sind wir gut“

Stolz ist Philosophieprofessor Marga auch auf die Toleranz in Glaubensfragen an der Hochschule, die aus einem Jesuitenkolleg hervorging und nach dem rumänischen Arzt Victor Babes und dem ungarischen Mathematiker János Bolyai benannt wurde. Die BBU hat vier theologische Fakultäten: Zwischen orthodoxer, griechisch-katholischer, reformierter sowie römisch-katholischer Religionswissenschaft können die Studenten wählen. Auch gibt es einen Studiengang Hebräische Sprache und Kultur.

Mehr als 30 Wissenschaftler aus Deutschland und Österreich unterstützen die rumänischen Kollegen am deutschsprachigen Zweig der Universität mit seinen 17 Studiengängen. So lehren die Münchner Historikerin Krista Zach und ihr Mann Cornelius seit 2001 an der neuen Europa-Fakultät – „mit Vergnügen“, wie Zach sagt. „Denn wir hatten kleine Gruppen, die motiviert und auch neugierig waren.“

„Wenn wir in etwas gut sind, dann in internationalen Beziehungen“, sagt Delia Balaban, Dozentin in Kommunikationswissenschaft und Leiterin der deutschsprachigen Journalistikabteilung.

Mit dem Aufbau ihres europäischen Netzwerks begann die BBU unmittelbar nach der politischen Wende von 1989. Schon seit Jahren kooperiert die Hochschule nun beispielsweise mit den Unis Münster und Magdeburg im Doppeldiplom, bei dem das vierjährige Studium zu gleichen Teilen an den Partner-Unis absolviert wird.

In Cluj leben Studenten billig

Die Gaststudenten schätzen nicht nur das akademische Angebot und das internationale Flair, sondern auch den transsylvanischen Alltag. Annik Trauzettel, 20, die aus Fulda hierher kam, findet, dass es in Cluj „nie langweilig“ wird. In den Szenecafés, meist in alten Häusern und Innenhöfen versteckt, wird quer über die Tische diskutiert. „Keiner fühlt sich hier verloren“, sagt Annik. Auch Ausflüge ins bergige Umland lohnen sich. „Da wird man von der Straße weg zum Essen eingeladen“, sagt Annik, die Sozialwissenschaften studiert.

Das Studium in Rumänien bringt zudem einen großen Vorteil: Im Vergleich zu den Erasmus-Kommilitonen in England oder Frankreich leben die Studenten in Cluj billig. Selbst längere Taxifahrten kosten kaum mehr als drei Euro, und auch Lebensmittel und Mieten sind günstig.

Während in London oder Paris Zimmerpreise um 500 Euro normal sind, zahlt Lehramtsstudent Niels Heimann aus Münster nur 110 Euro für seine Bleibe in Cluj. Den 24-jährigen Geografiestudenten interessierte das Karpatenland mit seinen unerschöpflichen Wandermöglichkeiten. Seine Wohnung im dritten Stock eines Plattenbaus teilt Niels mit einem Polen und zwei Rumäninnen. Die WG-Sprache ist Englisch. Ihm gefällt Rumänien so gut, dass er noch ein Praktikum an einer deutschsprachigen Schule anhängen will.

Erasmus-Studentin Annik zog für die Zeit ihres Rumänien-Aufenthalts in den großen Hasdeu-Campus ein: Der weitläufige Wohnkomplex an einem bewaldeten Hang ist frisch renoviert. Für die Gäste aus dem Ausland stehen möblierte Doppelzimmer mit Kühlschrank bereit. Die rotblonde Sächsin Annik teilt den Raum mit einer anderen Studentin aus Fulda, beide zahlen etwa 40 Euro Miete im Monat. Manchmal gibt es kein heißes Wasser zum Duschen, und das Internet fällt gelegentlich aus. Dafür steht ungewohnter Service zur Verfügung: Die Bettwäsche wird jeden Mittwoch gewechselt.

„Die Wirtschaftswissenschaften explodieren“

Annik sieht aber auch die Schattenseiten: Im aufstrebenden Cluj sticht ihr immer noch die Armut ins Auge. Der nachlässige Umgang mit Müll ärgert die Studentin. „Bei der Post oder am Fahrkartenschalter anzustehen, kann ewig dauern.“ Gastfreundlichkeit und Hilfsbereitschaft wögen das jedoch auf, findet sie und übt sich, ebenso wie der Münchner LMU-Student Christian, in Geduld: „Die Rumänen meistern ihren Alltag ganz anders als in Deutschland“, sagt er. „Es wird viel improvisiert, man ist flexibler, Hauptsache, es funktioniert.“

Die meisten der einheimischen Mitstudenten müssen mit weniger Komfort auskommen. Die 21-jährige Rumänin Ana-Maria Moisa wohnt auf dem Campus nur ein paar Blöcke von Annik Trauzettel entfernt. Sie teilt ein Zimmer mit vier anderen, ist damit aber nicht unzufrieden: „Wir sprechen uns ab, wann wir Licht ausmachen, helfen uns gegenseitig auch mal mit Zucker und Brot aus.“

Pompös kommt die Wirtschaftsfakultät daher: Springbrunnen flankieren das neue Gebäude, drinnen bearbeiten Putzfrauen den ohnehin spiegelblanken Boden. „Man ist nicht cool, wenn man nicht Wirtschaft studiert“, sagt lachend Ökonomiestudentin Georgiana Sultanu, 21. Die Wirtschaftswissenschaften, so der Siebenbürger Mathematikprofessor Wolfgang Breckner, der die Doktoranden der BBU betreut, „boomen bei uns nicht nur, sie explodieren“. Ebenfalls populär im neuen EU-Land sind die Europastudien: „Schon mancher Absolvent“, erzählt Breckner, „sitzt inzwischen in Brüssel.“

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