Gefangen im sozialen Netz

Kündigung nicht vorgesehen: Wer seinen Account bei Facebook schließen möchte, muss einiges an Geduld mitbringen – denn das soziale Netzwerk lässt seine Mitglieder nur ungern ziehen. Thomas Hillenbrand von SPON hat sich trotzdem erfolgreich ausgeklinkt.

Ein bisschen komme ich mir vor wie Boris Becker. Am heimischen Laptop sitzend steuere ich mein Profil bei Facebook an und juble. „Ich bin raus. Raus!“ Der Ex-Tennisprofi und AOL-Werbeträger hatte seinerzeit Probleme, ins Internet zu gelangen. Inzwischen besteht das Problem eher darin, dem Netz wieder zu entfliehen, wenn man einmal drin ist.

 

Gefangen im sozialen Netzwerk

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Facebook: Gefangen im sozialen Netzwerk

Obwohl ich mit Accounts bei Xing, Orkut und Pownce eigentlich schon übervernetzt war, meldete ich mich im März bei Facebook an. Anfangs war ich hellauf begeistert, dann ging es mir wie einer Freundin, die auf ihre Facebook-Wall schrieb: „Es ist wie mit allen Dingen im Leben – am Anfang ist es wahnsinnig aufregend, aber das lässt schnell nach.“Oder anders gesagt: Als mich über Facebooks Vampirapplikation zum siebzehnten Mal jemand in den Hals biss, ließ mich das ziemlich kalt. Und über meinen Friendfeed erfuhr ich nur, was ich bereits geahnt hatte: All die anderen Medienfuzzis müssen auch ganz schön viel arbeiten. „Tina is at the office“, „Sören has some work to do“ und „Heiko is back from the SBSW conference“. Sehr deprimierend.

„Du kannst gehen, aber Dein Profil bleibt hier“

Weil mir Facebook so fix so fad geworden war, beschloss ich, mich auszuklinken. Tausende Menschen tun das mutmaßlich jeden Tag; Facebook behauptet, 80 Millionen Nutzer zu haben, MySpace spricht von über 100 Millionen, Googles Orkut ebenso. Diese Zahlen sind mit einer sehr großen Prise Salz zu genießen – niemand weiß wirklich, wie viele dieser Nutzer Karteileichen sind. Das liegt vor allem daran, dass die meisten angeödeteten User ihre Accounts nicht stilllegen.

 

Ich möchte mein Facebook-Profil aber nicht als Webruine bestehen lassen. Ich möchte es komplett löschen. Schließlich habe ich Fotos hochgeladen, Videos gepostet, zum Boykott der neuen Edition von Dungeons & Dragons aufgerufen und mich mit allen möglichen Leuten vernetzt. Das soll jetzt alles weg. Das hat nichts mit Datenschutzparanoia zu tun – wenn ich aus einer Wohnung ausziehe, nehme ich ja schließlich auch meine Möbel mit.

Beim Studieren der Einstellungen wird mir jedoch schnell klar: Das geht gar nicht. Es gibt keinen Delete-Button. Es gibt auch keine Informationen im FAQ-Verzeichnis. Löschen ist einfach nicht drin. Nach einigem Gesuche finde ich allerdings die Möglichkeit, meinen Account zu deaktivieren. Dadurch würde ich zu einer Art Schläfer: Mein Profil wäre ist nicht mehr sichtbar, ich bekäme keine Benachrichtigungen mehr – und meine Daten blieben auf dem Facebook-Server, auf ewig.

Halten die Facebook-Leute ihr Produkt für dermaßen gelungen und unverzichtbar, dass sie sich eine Kündigung schlichtweg nicht vorstellen können? Man weiß es nicht. Facebook scheint sich sicher zu sein, dass ich irgendwann zu Kreuze kriechen und meinen Account wieder aufmachen werde.

Ein bisschen wie bei AOL

Selbst die Deaktivierung ist erst nach einem kleinen Online-Kreuzverhör möglich. Bevor ich schlafen gehen darf, soll ich preisgeben, was denn eigentlich mein Problem ist. Kostet Facebook zuviel Zeit? Ist die Benutzerführung verwirrend? Oder gibt es andere plausible Gründe für mein offenkundig autistisches Verhalten?

Je nachdem, welche Begründung man anklickt, serviert Facebook noch eine kleine Belehrung, nach dem Motto: „Du willst raus, weil wir Dir zu viele Benachrichtigungen schicken? Da musst Du halt Deine Mail-Präferenzen exakter einstellen, Du Depp.“

Ich schreibe dem Facebook-Support, dass sie meine Daten löschen sollen. Erwartungsgemäß bekomme ich zunächst ein Standardmail und mache mich auf einen langen Kampf gefasst. Dann erhalte ich jedoch bereits zwei Tage nach dem Erstkontakt eine knappe Nachricht von Audrina aus der Abteilung User Operations: „Wir haben Ihre Profilinformationen gelöscht und Ihre Emailadresse aus unserer Datenbank entfernt.“

Operation gelungen, Patient futsch. Aber warum kann ich mich mit einem Klick anmelden, dann aber nur schriftlich kündigen? Facebook erinnert mich ein bisschen an den Internetanbieter AOL. Dort war man ohne Unterschrift binnen zwei Minuten Mitglied – aber Kündigen über das Internet war unmöglich. Der Versuch, seine Kunden einzusperren, hat seinerzeit übrigens nicht funktioniert. AOL ist inzwischen so gut wie hinüber.

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