Delirium tremens studentus americanensis

der Spiegel über das Ami-Besäufniss:

Studenten an US-Universitäten spülen sich gern und regelmäßig ihre Gehirnzellen weg. Die Colleges versuchen, das Ritualsaufen einzudämmen – aber alle Warnungen und Erziehungsversuche verpuffen oder bewirken gar das Gegenteil, wie eine ernüchternde neue Studie aus Harvard zeigt.

Schlucken, bis der Arzt kommt

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US-Studentin aus Harrisburg bei Trinkspiel: Schlucken, bis der Arzt kommt

Kampagnen gegen Drogen und gegen übermäßiges Trinken können eine zweifelhafte Wirkung entfalten, vor allem wenn man sich Slogans oder Botschafter sucht, die bei der Zielgruppe nicht wirklich glaubwürdig ankommen. Der Verein „Keine Macht den Drogen“ zum Beispiel wirbt seit Jahren unter anderem mit Aushängeschildern wie der spröden Tennisgräfin Steffi oder dem Turboschwätzer Lothar Matthäus, was manche Jugendliche offenbar eher als Extra-Einladung zum Drogenkonsum auffassen. Dass Verbände wie der Deutsche Fußball-Bund, der gegen Sponsoring durch Bierbrauer rein gar nichts einzuwenden hat, dabei mitwirken, macht die Sache nicht unbedingt besser. Allzu einfältige Slogans jedenfalls werden im Kino belacht und schnell verballhornt – „keine Macht den Drögen“, „keine Mark den Doofen“, „keine Nacht ohne Drogen“.

Pate für die deutschen Aktionen stand die „Just say No“-Kampagne aus der Reagan-Ära, die in den USA trotz gigantischen Aufwands die gewünschte Wirkung verfehlte – für viele Jugendlichen zu schlicht, zu lebensfremd, zu verlogen. Dass simple Parolen bei einem akademischen Publikum erst recht nicht anschlagen, müssen jetzt die Colleges in den USA erleben.

Freundliche Fluglätter gegen das Rudelsaufen

Seit vielen Jahren stehen sie dem enormen Trinkpensum ihrer Studenten, die vor allem beim jährlichen „Spring Break“-Ballermann völlig über die Stränge schlagen, nahezu ohnmächtig gegenüber. Eine Untersuchung aus Harvard meldet nun ein Fiasko gut gemeinter Erziehungsversuche.

Akademischer Test der natürlichen Füllhöhe

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Alkohol en gros: Akademischer Test der natürlichen Füllhöhe

Mit Zuckerbrot und Peitsche wollen US-Universitäten die „Kultur des Trinkens“ bekämpfen. Die Zuckerbrot-Variante bilden Kampagnen, die neue soziale Normen etablieren sollen. Dazu gehören Poster wie „Die meisten Studenten an diesem College trinken fünf oder weniger Gläser bei einer Party“ (oder auch pro Woche), Bildschirmschoner mit Anti-Alkohol-Botschaften und Flugblätter.

Der Grundgedanke: den Gruppendruck für Studenten verringern, die sich von Trinkritualen mitreißen lassen, aber eigentlich ahnen, dass zu viel Alkohol gar nicht gut für sie ist. Die ernüchternde Erkenntnis: All die teuren Maßnahmen fruchten nicht und schlagen bisweilen sogar ins Gegenteil um.

Frappierend: Anti-Alkohol-Appelle beflügeln Trinker noch

Die Harvard School of Public Health hat die Trinkgewohnheiten an insgesamt 98 Hochschulen untersucht; 37 davon setzten mindestens ein Jahr lang auf Programme mit Appellen an Vernunft und Eigenverantwortung der Jungakademiker. Doch nirgendwo entdeckten die Forscher eine Reduzierung der Menge oder Häufigkeit des Alkoholkonsums. „Die Botschaft klingt so attraktiv. Sie lässt die Hochschule besser aussehen. Sie bestraft Studenten nicht. Jeder ist damit glücklich. Das einzige Problem ist, dass sie überhaupt nichts ändert“, fasst Henry Wechsler, Leiter der Untersuchung, das Ergebnis so bündig wie lakonisch zusammen.

Mit 19 wurden die Präsidenten-Töchter beim illegalen Alkoholkauf erwischt

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Zwillinge Jenna und Barbara Bush: Mit 19 wurden die Präsidenten-Töchter beim illegalen Alkoholkauf erwischt

Weil die Universitäten auf Strafen möglichst verzichten wollten, begannen viele schon Mitte der neunziger Jahre mit ihrer Überzeugungsarbeit, die auch von Alkoholhersteller und Regierungsstellen mit insgesamt acht Millionen Dollar unterstützt wurde. Doch die Harvard-Forscher konnten nicht die geringste Verbesserung feststellen. Und zum Teil fanden sie sogar eine Zunahme des Alkoholkonsums – und zwar just an den Colleges mit Anti-Alkohol-Programmen, während die Hochschulen ohne besondere Kampagnen kaum Veränderungen der studentischen Trinkgewohnheiten verzeichneten.

Nach Auffassung von Henry Wechsler ist die Wirkung des Gruppendrucks schlicht größer als die der Kampagnen. Für erfolgversprechend hält er allenfalls höhere Alkoholpreise in den Bars und Ländern in Campusnähe; darauf müssten die US-Bundesstaaten und die Gemeinden drängen. Einige Initiatoren der Uni-Programme zweifeln die Ergebnisse aus Harvard indes wissenschaftlich an und verweisen auf eigene Fallstudien, die nach ihren Angaben durchaus Verbesserungen beweisen. Deshalb beharren die meisten auf Fortsetzung ihrer Kampagnen.

Die Zeche kann teuer werden

Wer amerikanische Universitäten nicht so genau kennt, könnte die Furore um den studentischen Alkoholkonsum für eine hysterische Reaktion puritanischer Konservativer halten. Schließlich testen Studenten auch anderswo gern ihre Füllhöhe, sei es an britischen, französischen oder deutschen Universitäten. Aber den Uni-Leitungen in den USA bereiten die Trinksitten echtes Kopfzerbrechen – inzwischen sehen alle Hochschulen sie als sehr alltägliches Problem.

Standardprogramm beim Spring Break

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Trinken und gaffen: Standardprogramm beim Spring Break

Dabei geht es keineswegs um allein um den „Spring Break“, wenn Studenten im Frühjahr zu Hunderttausenden die Strände von Florida, Cancun oder Acapulco stürmen, sich rituell besaufen und dabei die vorbeiflanierenden Bikini-Schönheiten genießen. Mehr noch geht es um das „binge drinking“, um die regelmäßigen heftigen Saufgelage im Campus-Dunstkreis.

Die Studentenverbindungen (fraternities) tun sich dabei besonders hervor, die gerade volljährigen Studenten ebenfalls. Weil Alkoholkonsum erst ab 21 Jahren erlaubt ist, nutzen viele Studenten die erste legale Gelegenheit zum Beispiel zum „21 for 21“-Spiel – und kippen an ihrem 21. Geburtstag 21 Gläser Whiskey.

Harvard-Forscher haben die Trinkgewohnheiten an Universitäten in den letzten zehn Jahren kontinuierlich untersucht. In einer früheren Studie stuften sie satte 44 Prozent der zwölf Millionen US-Studenten als „exzessive Alkohol-Konsumenten“ ein. Und die Folgen sind nicht ohne, mitunter sogar verheerend: Demnach landet jährlich eine halbe Million Studenten alkoholbedingt im Krankenhaus, rund 1400 Studenten kommen im Suff ums Leben. Die meisten sterben im Straßenverkehr, andere fallen aus Fenstern, ertrinken oder wachen nach einer Alkoholvergiftung einfach nicht mehr auf. Hinzu kommen Schlägereien und Vergewaltigungen. Immerhin jeder vierte Student ist nüchtern genug, um selbst einen Zusammenhang zwischen zu viel Alkohol und Studienproblemen zu sehen.

Eine Hoffnung, die trinkfreudigen Studenten ganz trockenzulegen, hat an den Hochschulen niemand. „Man kann das nicht komplett auslöschen, und einen Drink zur Pizza zu verbieten, ist ja gar nicht wünschenswert“, sagt Henry Wechsler, „das Thema ist nur die Art des Trinkens, die Leute wirklich in Schwierigkeiten bringt.“

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