Studium in Holland: „De Duitsers komen“

AUSLANDSSTUDIUM IN HOLLAND

Studieren in den Niederlanden ist wie in Deutschland, nur anders. Viel besser nämlich. Kein Land ist derzeit bei deutschen Auslandsstudenten beliebter. Der Nachbar lockt mit prima Service und kleinen Seminaren – auch Numerus-clausus-Flüchtlinge bekommen ihre Chance.“Hoi“, grüßt der schlaksige junge Mann und stellt sein Tablett auf einen Tisch, an dem schon zwei blonde Studentinnen sitzen. „Hallo … goeie dag“, grüßen die beiden zögerlich und in gebrochenem Holländisch. Der Junge blickt kurz auf und lächelt.

Er hat sich wohl schon daran gewöhnt, dass die Mensa der Uni Nimwegen in vergangener Zeit sehr stark von Deutschen besucht wird. Heute ist es besonders extrem, weil viele niederländische Studenten in Urlaub sind, aber die Deutschen vor Semesterbeginn bereits den Intensiv-Sprachkursus absolvieren.

Seit drei Jahren zieht kein anderes Land so viele deutsche Studenten an wie die Niederlande, weiß das Statistische Bundesamt: Rund jeder sechste deutsche Auslandsstudent war im Jahr 2005 in Holland eingeschrieben, 12.000 insgesamt. Für das kommende Jahr rechnet Peter Stegelmann von der Webseite www.studieren-in-holland.de mit 19.000 bis 20.000. „Das spricht sich rum, und der Numerus clausus in Deutschland steigt ja auch“, sagt er. In den Niederlanden dagegen gibt es keine Zulassungsbeschränkungen.

„Mein Land wollte mich nicht“, sagt Jens von Keitz, 18, mit vorwurfsvollem Unterton. Die Abinote des Erstsemesters aus Solingen war zu schlecht für ein Psychologiestudium in Deutschland – also hat er sich einfach in Nimwegen eingeschrieben. Die einzige Hürde: Er muss erst mal Holländisch lernen.

Die Professoren verstecken sich nicht

„Am Anfang wird man schon ziemlich ins kalte Wasser geworfen“, erinnert sich Christopher Rosenthal, 22, an seinen Studienbeginn vor zwei Jahren. „Es ist ein gewisser Nervenkitzel, hierherzukommen und nichts zu verstehen.“ Aber schon nach dem dreiwöchigen Intensivkurs könne man im Alltag gut zurechtkommen und den Vorlesungen folgen.

Christopher führt Besucher aus Deutschland immer gern über den gerade neugestalteten Campus mit Cafés und vielen Bäumen, dann zur naturwissenschaftlichen Fakultät im raumschiffartigen Huygens-Gebäude, das mit großen Glasfronten eher an die Zentrale eines Großkonzerns erinnert. In den Vorlesungssälen hat jeder Student ein Recht auf einen Sitzplatz. Der Professor wird geduzt, und wer eine Frage hat, schreibt eine Mail oder ruft ihn auf dem Handy an.

Viele der deutschen Studenten in Nimwegen pendeln täglich über die Grenze nach Kalkar oder Kleve am Niederrhein. Nimwegen kooperiert mit der Universität Essen-Duisburg und hat sogar einen Pendelbus eingerichtet – die Fahrt ins Ruhrgebiet dauert nur eine knappe Stunde.

Antideutsche Ressentiments? Nö

Judith Arns berät die deutschen Studenten in Nimwegen. Bei einem Besuch in Duisburg hat sich die holländische Hochschulmitarbeiterin schon gewundert: „Die waren ganz stolz darauf, wie groß ihre Vorlesungssäle sind – für 800 Leute, haben sie gesagt. Hier sind wir gerade stolz darauf, wie klein die Vorlesungen sind.“ Psychologiestudentin Hannah Nohlen, 23, erlebt mitunter schon nahezu märchenhafte Betreuung: „Einmal hatte ich ein Seminar, da kam auf jeden Studenten ein Dozent.“

Niederländische Universitäten werben in Deutschland. Ihr Motiv: Sie bekommen für jeden Studenten 6500 Euro vom Staat. „Wenn denen die Studenten weglaufen, gibt’s entsprechend weniger Geld“, erläutert Stegelmann. „Dann müssen sie Stellen streichen.“ Judith Arns betont aber, dass es nicht nur ums Geld gehe: „Die deutschen Studenten stellen eine kulturelle Bereicherung dar. Sie haben oft einen anderen Blickwinkel, das macht viele Diskussionen interessanter.“

Überall auf dem Campus in Nimwegen liegt zurzeit die neue Ausgabe der Unizeitschrift „Vox“ aus, diesmal mit Duitsland-Special und der Schlagzeile: De Duitsers komen! Dazu sieht man ein Gehirn mit einer deutschen Flagge, beschriftet mit den Begriffen „gründlicher“, „schneller“ und „besser“.

Sollte es tatsächlich noch irgendwo in den Niederlanden antideutsche Ressentiments geben – hier sicher nicht. In der Zeitschrift werden die Deutschen als Vorbild in puncto Fleiß und Effizienz empfohlen. Und locker seien sie inzwischen auch, so liest man zumindest. Zum Beweis werden mehrere deutsch-niederländische Liebespaare porträtiert.

„Alles funktioniert. Immer.“

Michael Jäger war mal an der Uni Münster eingeschrieben, aber schon nach zwei Monaten so gefrustet, dass er sich nur noch aufs Partyleben konzentrierte. „Ich saß da in einem Seminar mit 150 Leuten und kannte niemanden. Außerdem war alles unheimlich bürokratisch organisiert.“ Inzwischen studiert er in Maastricht, wie 3200 andere Deutsche. „Hier musste ich nur zum Einschreibbüro gehen, einen Kaffee trinken und dabei ein Formular ausfüllen – das war alles“, sagt er.

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So ging es auch Wiete Eichhorn und Julia Langenohl aus Wuppertal. „Ich dachte am Anfang immer: Wo ist hier der Haken? Aber da war keiner“, so Wiete. Viele Fakultäten in Maastricht sind in ehemaligen Klöstern und Kirchen untergebracht. Innen ist alles hypermodern und blitzsauber, die Arbeitsräume sind mit Laptops und Beamern ausgestattet, „und alles funktioniert – immer“, wie Michael betont.

Die Studiengebühren betragen in den Niederlanden meist 1565 Euro jährlich. Bis vor kurzem zahlten deutsche Studenten hier weniger als im benachbarten NRW, inzwischen etwas mehr. Gut für Gaststudenten: Wer mindestens acht Stunden pro Woche nebenher arbeitet, kann ein Stipendium bekommen und muss, anders als beim Bafög, nichts zurückzahlen.

Weitere Holland-Trümpfe sind garantierte Auslandsaufenthalte und Seminare mit höchstens 15 Teilnehmern. Klassische Vorlesungen sind in Maastricht unbekannt, die Studenten lernen „problemorientiert“: Der Professor stellt eine Aufgabe, die Gruppe bearbeitet sie. Das gilt für alle Fächer, ob Medizin oder International Business.

Wer erstmal in Holland studiert, bleibt oft da

„So behält man die Sachen viel besser, weil man die Fachliteratur unter einem ganz bestimmten Gesichtspunkt durchforstet“, sagt Wiete. Gedankenaustausch und Zusammenarbeit mit Studenten aus vielen Ländern und Kulturen sind dabei ein Muss. „Manchmal sitzen wir hier mit neun Leuten aus acht Ländern am Tisch“, sagt Michael. Das alles läuft auf Englisch.

Die Fachhochschule Fontys in Venlo, 20 Autominuten von Duisburg entfernt, bietet manche Studiengänge sogar überwiegend auf Deutsch an. 60 Prozent der etwa 3000 Venloer Studenten sind Deutsche. Die Niederländer stört das nicht: „Da gibt es keinerlei Probleme“, versichert der Vizedirektor Thomas Merz, selbst Deutscher. Das Bildungsministerium habe sich bei ihm nicht beschwert.

Die Regierung in Den Haag sieht durchaus einen volkswirtschaftlichen Nutzen – sie hofft auf qualifizierte Arbeitskräfte für den heimischen Markt. „Viele Deutsche bleiben anschließend da“, sagt Peter Stegelmann. „Wer an einer niederländischen FH studiert hat, bekommt in über 95 Prozent der Fälle in den ersten drei Monaten nach dem Abschluss einen Job.“

„Uni der Ehrgeizigen“, kein Ponyhof

Der Maastrichter Unichef Jo Ritzen war zuvor holländischer Bildungsminister und setzte in den neunziger Jahren umfassende Bildungsreformen durch. Der Sozialdemokrat glaubt nicht, dass sich das Maastrichter System auf Deutschland übertragen lässt: „Stellen Sie sich mal vor, man ginge dort hin und würde den Professoren sagen: ‚Sie halten jetzt keine Vorlesungen mehr, Sie arbeiten künftig nur noch ganz direkt mit den Studenten zusammen.‘ Das würden die kaum machen.“

Ritzen sieht Maastricht nicht als elitär, aber durchaus als „Uni der Ehrgeizigen“. Den Studenten sagt er mitunter: „Wenn ihr es gern ein bisschen gemütlich habt, dann geht woanders hin. Das hier ist nur etwas für Leute, die später Unternehmen und Gesellschaft wesentlich mitgestalten wollen.“

Am Anfang wird tüchtig gesiebt, „die Prüfungen sind sehr schwer. Das ist survival of the fittest“, sagt Julia Langenohl. Gibt es denn gar nichts, was an deutschen Unis besser ist? Michael Jäger überlegt kurz: „Doch. Das Partyleben war in Münster besser.“

Christoph Driessen, dpa

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