Von allen guten Frauen verlassen?

sagt der Spiegel:

Die Wissenschaft ist weiblich – in der deutschen Grammatik. Aber in Forschung und Lehre sind Frauen bis heute selten, bei der Gleichstellung haben die Unis versagt. In anderen Ländern sollen spezielle Hochschulen und Studiengänge Frauen in Top-Positionen bringen.Wenn sie gutmütig sind, lächeln sie milde. Zucken unmerklich mit den Schultern und seufzen innerlich bei den Sätzen, mit denen sich Politiker, Wirtschaftsbosse und Wissenschaftsfunktionäre für die Frauenförderung in Hochschule und Forschung starkmachen. Frauen kennen den Unterschied. Zwischen dem, was so gesagt, geplant und getan wird, und dem, was am Ende erreicht wird.

"Bald werden die Studentinnen die Hoersaele ueberfluten, hineingerissen in den zügellosen Wettbewerb werden sie entweibt, schliesslich auch das Wahlrecht verlangen."

DDP

Uni Marburg 1927: Studentinnen-Sprecherin beim Festumzug. Ein „Umsturz“, so die „Hessische Landeszeitung“: „Bald werden die Studentinnen die Hoersaele ueberfluten, hineingerissen in den zügellosen Wettbewerb werden sie entweibt, schliesslich auch das Wahlrecht verlangen.“

Unter dem Strich ist das bestürzend wenig: Absichtserklärungen, Förderprogramme, Richtlinien – all das konnte den Frauenanteil im Wissenschaftssystem nur marginal erhöhen. Bei den Professuren stieg er in den vergangenen zehn Jahren von 9 Prozent im Jahr 1997 auf 15,2 Prozent im Jahr 2007, wie die Statistik des Kompetenzzentrums für Frauen in Wissenschaft und Forschung (CEWS) zeigt. Das hat weitreichende Auswirkungen: Jungen Frauen fehlt es an Vorbildern für eine eigene Karriere in Wissenschaft, Forschung und Entwicklung. In wenigen Bereichen hat die deutsche Hochschullandschaft so versagt wie bei der Gleichstellung.

Dabei werden weibliche Nachwuchskräfte dringlichst gebraucht. Nach Informationen des Bundesministeriums für Bildung und Forschung dürften bis 2013 allein in den Ingenieurwissenschaften 85.000 Köpfe fehlen. Längst warnen Spitzenpolitiker wie Bundespräsident Horst Köhler, dass Deutschland es sich nicht leisten kann, auf das Potential der Frauen – die heute so gut ausgebildet sind wie nie zuvor – zu verzichten. Auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fordert deutlich mehr Frauen im Wissenschaftsbetrieb und verabschiedete Mitte Juli „Forschungsorientierte Gleichstellungsstandards“.

Fachkräftemangel zwingt zur Aktion

Tatsächlich wird einiges getan, um Frauen zu gewinnen. So gibt das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) allein in diesem Jahr 13,5 Millionen Euro für Chancengleichheit aus. Unter anderem werden in den nächsten fünf Jahren 200 neue Stellen für Professorinnen geschaffen. Und für die sogenannten MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik), wo der Frauenmangel besonders eklatant ist, wurde vor einigen Wochen eine groß angelegte Initiative gestartet, mit der jährlich rund drei Millionen Euro allein für die Werbung um junge Frauen für die bislang männerdominierten Fächer ausgegeben werden.

Sie ist bitter nötig, wie allein der Blick auf die Elektrotechnik zeigt: Obwohl 56 Prozent aller Abiturienten weiblich sind, haben im vergangenen Wintersemester zum Beispiel lediglich 9 Prozent Frauen ein Studium der Elektrotechnik aufgenommen.

Geld und Unterstützung gibt es offensichtlich. Warum aber erzielen die Fördermaßnahmen nicht die gewünschten Erfolge? Reichen die Instrumente der Frauenförderung nicht aus? Schaut man ins Ausland, sind Frauenunis ein zusätzliches Mittel, um weibliche Nachwuchskräfte in Top-Positionen zu bringen.

„Frauenuniversitäten habe ich in Indien, Japan, Korea, auf den Philippinen, im Sudan, in den USA und in den Vereinigten Arabischen Emiraten gefunden. Je nach Definition von ‚Hochschule‘ mag es auch noch andere geben“, sagt Christiane Rittgerott vom Internationalen Zentrum für Hochschulforschung Kassel, die derzeit zum internationalen Vergleich von Frauenuniversitäten promoviert. Mit gegenwärtig mehr als 20.000 Studentinnen ist die EHWA-Universität in Südkorea die größte Frauenhochschule der Welt. Sie beherbergt unter anderem 56 Hauptfach-Studiengänge, 36 Forschungsinstitute und 13 Graduate Schools, wobei die Hälfte der Lehrenden Männer sind.

Ihrer Zeit noch weit voraus

In den USA produzieren traditionsreiche Women’s Colleges systematisch weibliche Spitzennachwuchskräfte. So heißt es in einer noch unveröffentlichten Studie des Berliner Forschungsinstituts für Bildungs und Sozialökonomie (FiBS), dass diese Hochschulen „überproportional viele erfolgreiche Frauen hervorbringen, Frauen zu höheren Bildungsabschlüssen führen und dabei auch die Naturwissenschaften, Technik und Medizin stark vertreten sind“.

Zähne zeigen

Shell

Frauen in der Wissenschaft: Zähne zeigen

Rund ein Drittel aller weiblichen Führungskräfte besuchten in den USA demnach ein Women’s College. Und in US-Hochschulen sind 25,1 Prozent der Full Professors – also hierzulande mit C4/W3-Professuren vergleichbare Positionen – weiblich besetzt.

Zwar lässt sich insgesamt der Einfluss der Frauenuniversitäten im Ausland zahlenmäßig „zumindest nicht als eindimensionale Ursache-Wirkungs-Beziehung“ belegen, sagt Rittgerott. Und als alleiniges Allheilmittel taugen sie ohnehin nicht. Ihre bloße Existenz aber führt nach Angaben der Hochschulforscherin zu einem besonders frauenfördernden Klima.

Studien zufolge könnten Frauenuniversitäten auch in Deutschland zur Lösung der Nachwuchssorgen beitragen. So empfahl das FiBS ostdeutschen Hochschulen vor gut einem Jahr, sich zur Sicherung der eigenen Zukunft stärker auf Frauen als Zielgruppe zu konzentrieren – etwa mit der Etablierung einer Frauenhochschule. Hintergrund ist die Abwanderung von Frauen aus den neuen Ländern.

Frauen-Uni scheiterte am Geld

Die Idee, Frauenhochschulen in Deutschland zu etablieren, ist nicht neu. Zur Expo 2000 gelang mit der „Internationalen Frauenuniversität für Technik und Kultur“ (ifu) ein Vorzeigeprojekt. Knapp 800 Wissenschaftlerinnen aus 114 Ländern widmeten sich damals drei Monate lang Weltthemen wie Arbeit, Wasser oder Migration. Wegen des hochklassigen Profils der Teilnehmerinnen war bald von einer Elite-Schmiede die Rede.

Nur wenige Professorinnen

Institut der deutschen Wirtschaft Köln

Hochschulen: Nur wenige Professorinnen

Nach der überwältigenden Resonanz wurde eine Fortsetzung der ifu anvisiert. Vergeblich. Die Pläne scheiterten letztlich an der Bürokratie, fehlendem politischen Willen und am Geld: Bund und Länder konnten sich nicht auf eine Finanzierung einigen. „Ich denke manchmal, die ifu war ihrer Zeit weit voraus. Mit ihrem transkulturellen, interdisziplinären Wissenschaftskonzept hat sie ein Zukunftsmodell für die Universität angeboten. Das war für die deutsche Hochschulpolitik entschieden zehn Jahre zu früh“, sagt die einstige ifu-Präsidentin Prof. Dr. Aylâ Neusel rückblickend.

Heute – im Zuge der Exzellenzinitiative – sieht die emeritierte Architekturingenieurin weit mehr Chancen: „Wenn in Deutschland die Entwicklung so weitergeht, dass eine diversifizierte Hochschullandschaft entsteht, dann würde ich unter anderem eine prononciert reformierte und eben auch von Frauen konzipierte Universität für sinnvoll halten.“ Besonders wirkungsvoll wäre eine Frauenhochschule für die MINT-Fächer.

Positive Effekte für die MINT-Fächer

„Die Bildungsdifferenz zwischen den Geschlechtern geht gegen Null“, konstatiert die langjährige Hochschulforscherin Prof. Dr. Sigrid Metz-Göckel. Es gebe nur noch unterschiedlich gelagerte fachliche Interessen. Ein Grund, warum wenig junge Frauen und auch immer weniger junge Männer die klassischen MINT-Fächer wählten, sei, dass deren Interesse breiter gestreut sei. Das Studienangebot in den MINT-Fächern müsste deshalb interdisziplinärer aufgestellt werden. In Kombi-Fächern wie Medieninformatik, Logistik oder Wirtschaftsingenieurwesen seien schon jetzt sehr viel mehr Studentinnen eingeschrieben als etwa in Maschinenbau.

Eine Frauenhochschule, die um jeden Preis Männer ausschließt, hält Metz-Göckel allerdings für unsinnig. „Das heißt aber nicht, dass man nicht eine Institution aufbaut, die vorwiegend auf die Bedürfnisse hochbegabter Frauen ausgerichtet ist.“ Mit einer derartig konstruierten Einrichtung „könnte man auch das rückläufige Interesse der Männer in MINT-Fächern auffangen“, betont Metz-Göckel.

Einig sind sich die Experten, dass eine Frauenhochschule konsequent ein Elitekonzept verfolgen müsste. Neusel plädiert für ein internationales, interdisziplinäres Exzellenzzentrum oder Graduiertenkolleg, „in dem Studentinnen nach ganz strengen Maßstäben ausgewählt“ und Promotions- und Habilitationsprogramme angeboten werden sowie „Wissenschaftlerinnen Spitzenforschung zu selbst definierten Themen betreiben“.

Ähnlich sieht es die einstige ifu-Mitarbeiterin Dr. Silvia Klein-Franke: „Es geht um die Schaffung einer Atmosphäre, in der Frauen ihre Vorstellung von Spitzenforschung entfalten können.“ Klein-Franke, die Universitäten und außeruniversitäre Forschungsinstitute bei Personalführung und -entwicklung berät, ist vom Konzept eines Frauenexzellenzzentrums so überzeugt, dass sie eine Umsetzung auch auf EU-Ebene für denkbar hält. Konkrete Vorhaben gibt es zwar noch nicht. Auf Interesse stoßen ihre Anregungen bei einigen Universitäten oder Forschungszentren aber sehr wohl.

Eine Frage des Klimas

Weitere Rechtfertigungs und Quotendebatten hält Klein-Franke dagegen für wenig hilfreich. „Die Diskussion gerät dann leicht in eine Konfrontation, die dann alle auf zeitliche Kosten der eigentlichen Wissenschaft führen“, kritisiert sie. Mit einem Exzellenzzentrum könnte das Potential der Akademikerinnen besser ausgeschöpft werden. Langfristig würden sich durch Vorbildwirkung und Netzwerkbildung Rückkopplungen auf das Wissenschaftssystem selbst ergeben, „die sich auch in einer Erhöhung des Frauenanteils bei den Professuren niederschlagen würden“, sagt Klein-Franke.

Wo Akademikerinnen arbeiten

IWD

Berufsleben: Wo Akademikerinnen arbeiten

Dass bisherige Versuche zur Gründung einer Frauenhochschule scheiterten, mag auch am tendenziell wenig frauenfreundlichen Klima liegen. In ihm schrecken Frauen vor Sonderwegen zurück, weil sie eine Stigmatisierung befürchten. Andere wollen sich gar nicht erst zur Frauenförderung äußern, weil sie Angst haben, dadurch einen Karriereknick zu erleiden. Das kommt nicht von ungefähr. Selbst nach dem jüngsten DFG-Vorstoß für mehr Chancengleichheit meldeten sich reflexartig Stimmen zu Wort, die über einen drohenden Qualitätsverlust orakelten.

Gefragt ist die Politik. So ist die Frauenförderung Thema auf dem bevorstehenden Bildungsgipfel. Die EU-Kommission wird im Mai 2009 einsteigen und auf einer Konferenz herausfinden, was bisherige Frauenförderinstrumente brachten und welcher Ergänzungen es nun bedarf.

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