(„Wir sprechen jetzt erstmal mit unseren Juristen. Ich hoffe, Sie haben auch alle welche“)

„Wir brauchen mehr Leichen“ sagt der Spiegel

Es ist ein Studienstart im Chaos: Weil die Heidelberger Uni patzte, musste sie 66 Medizinstudenten mehr als geplant zulassen. Die Hochschule steht für ihren Fehler gerade, aber der kommt teuer – und für die Studenten wird es eng, vor allem in den Anatomiekursen.

Es war eine etwas überraschende Situation für Markus Steiner*, als er letzte Woche erstmals ins ehrwürdigen Theoretikum der medizinischen Fakultät Heidelberg zur Vorlesung kam. Im fast 400 Personen fassende Saal saßen die Studenten reihenweise auf dem Boden. „Der Saal ist aus allen Nähten geplatzt“, sagt Steiner.

Angehende Mediziner brauchen Leichen

DPA

Sektionssaal: Angehende Mediziner brauchen Leichen

Zunächst dachten die Heidelberger Medizin-Frischlinge, der Grund für das Gedränge seien Gasthörer oder Übersetzer, die zu Beginn häufig mit im Saal sitzen. Doch auch nach einer Woche war an einen geordneten Ablauf nicht zu denken. Die Studenten drängelten sich so dicht an dicht, dass sich Steiner und seine Kommilitonen dachten: Irgendwas muss hier schief gelaufen sein.

Die Erklärung folgte am Montag dieser Woche: „Ein Computerfehler hat bei der Abstimmung mit der ZVS dafür gesorgt, dass bereits besetzte Studienplätze als frei gemeldet wurden“, erklärt Claus Bartram, Dekan der Heidelberger Medizinfakultät. Der Patzer der renommierten Hochschule am Neckar führte dazu, dass die Dortmunder Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen weitere Bewerber im Nachrückverfahren nach Heidelberg vermittelt. „Für uns war das reine Routine“, sagt Bernhard Scheer von der ZVS.

„Bugwelle bis zum Examen“

Wirklich lustig ist das Ganze nicht. Weil nun in den beiden medizinischen Fakultäten Heidelberg und Mannheim insgesamt 66 Studenten mehr angemeldet sind als es Plätze gibt, muss das gesamte Studium umorganisiert werden – mit handfesten Schwierigkeiten: „Wir brauchen unbedingt mehr Leichen“, sagt Dekan Bartram. Denn bei den Anatomiekursen darf nur eine begrenzte Anzahl von Studenten an einem Tisch arbeiten.

Es geht aber um mehr: „Dieser Überhang an Studenten schiebt eine Bugwelle bis zum Examen“, sagt Paul Fischer, Geschäftsführer der Fakultät. Nach einer Krisensitzung hatte das Rektorat zunächst einmal eilig Entwarnung gegeben: Alle Studenten dürfen bleiben. Die dafür notwendigen zusätzlichen Mittel wird die Universität bereitstellen, schließlich ist dort auch der Fehler passiert.

Studienanfänger Markus Steiner kritisiert allerdings die mangelhafte Kommunikation der Unileitung. Denn bis zum Wochenanfang Klartext gesprochen wurde, hatten einige Erstsemester Angst, zwangsexmatrikuliert zu werden. Als letzte Woche alle Kurse abgesagt wurden, machte sich bei einigen Erstsemestern Panik breit. „Der Professor sagte uns, eine Vorlesung sei aus Brandschutzgründen mit so vielen Leuten nicht möglich“, sagt Steiner. „Niemand von uns wusste, wie es jetzt weiter gehen soll.“

Prorektor bittet um Verständnis für Turbulenzen

Die lockere Ironie einiger Verantwortlicher im Fachbereich Medizin („Wir sprechen jetzt erstmal mit unseren Juristen. Ich hoffe, Sie haben auch alle welche“) trug auch nicht gerade zur emotionalen Stabilität der Erstsemester bei. Außerdem sei bereits für Freitag dieser Woche eine erste Anatomie-Prüfung angesetzt worden – obwohl kaum ein Student bislang eine Leiche gesehen hatte.

Thomas Pfeiffer, Prorektor für Lehre der Universität Heidelberg, bat um Verständnis für die Turbulenzen der vergangenen Tage. „Mit der Garantie des Rektorats und den organisatorischen Veränderungen, die wir vornehmen, können nun alle Studenten so betreut werden, wie es sich gehört.“ Was den leidigen Computerfehler angeht: Der sei inzwischen erkannt und behoben. Eine ähnliches Malheur sei in anderen Fakultäten zum Glück nicht vorgekommen.

Die Elite-Uni ist damit etwas überdehnt. Um die Qualität des Studium zu sichern, sollen deshalb neue Kräfte eingestellt werden: Mehr Tutoren und ein kräftiges Plus bei den Überstunden sollen sicherstellen, dass die Studenten erfolgreich arbeiten können.

„Schaden im hohen sechsstelligen Bereich“

Aber auch finanziell wird die Universität stark belastet. Fakultätsgeschäftsführer Fischer rechnet vor: „Ein Student in der Humanmedizin kostet bis zum Examen etwa 179.000 Euro.“ Multipliziert mit 66 wären das knapp 12 Millionen Euro. Dekan Bartram spricht hingegen lieber von „einem Schaden im hohen sechsstelligen Bereich“.

Inzwischen ist alles soweit organisiert, dass Anatomiekurse und Vorlesungen wieder stattfinden können. Videoübertragungen sollen nun bei den Präparierkursen zwei Räume miteinander verbinden. Für die Vorlesungen gibt es jetzt den größten Saal, den die Uni Heidelberg aufbieten kann. Weil dort eigentlich die Chemiker sitzen, weitet sich das kleine Zulassungsproblem der Mediziner so auch auf anderen Fakultäten aus.

Für die Anatomie werden zusätzliche Präpariertische bereitgestellt. Befreundete Unis hatten wohl Verständnis für die Notsituation der Heidelberger Kollegen und haben mit zwei weiteren Leichen ausgeholfen. „Das klingt vielleicht etwas makaber, aber ohne ist ein Medizinstudium nun einmal nicht denkbar“, entschuldigt der Dekan.

Für Erstsemester Markus Steiner zieht mit diesen Maßnahmen heute endlich so etwas wie Normalität ins Studium ein. Er sollte am Dienstagmittag zum ersten Mal am Präpariertisch vor einer Leiche stehen. Und er kann noch aus einem anderen Grund aufatmen: „Die Prüfung, die für Freitag angesetzt war, wurde zum Glück nach hinten verschoben.“

*Name geändert

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