Der Bachelor-Bankrott

Campus München: Die Studiengangs-Reform ist gescheitert, sagt Philosophie-Professor Julian Nida-Rümelin.
Selten haben Bildungspolitiker das Humboldtsche Ideal, die Einheit von Forschung und Lehre, so inständig beschworen wie heute. Das klingt schwer nach dem Pfeifen im Wald – angesichts der radikalen Reform aller Studiengänge, die Deutschlands Hochschulen derzeit zur Großbaustelle macht. Erst kürzlich hat die Professoren-Lobby vom Hochschulverband die Notbremse in diesem sogenannten Bologna-Prozess ziehen wollen. Und am vergangenen Montag beschäftigte sich eine Tagung der Hochschulrektorenkonferenz mit den Problemen bei Bachelor und Master, den neuen Abschlüssen. Zu den schärfsten Kritikern gehört Julian Nida-Rümelin, Ex-Kulturstaatsminister und Philosophieprofessor an der Universität München (LMU). Gemessen an den eigenen Zielen, sagt er, sei die Reform gescheitert.
Ist nach dem Abschluss des Bologna-Prozesses Humboldt endgültig passé?

Nida-Rümelin: Es sind gegenwärtig zwei Tendenzen, die dieses Ideal gefährden. Eines der zentralen Ziele der Humboldtschen Universitätsreform war, dass die Studierenden nicht lediglich die Fortsetzung der Schule erleben sollten, sondern die unmittelbare Konfrontation mit der Forschung. Bei der jetzigen Umstellung aber haben wir auf breiter Front eine Verschulung, in Deutschland ist sie besonders ausgeprägt. Sie zeichnet sich durch extrem lange Präsenzzeiten und wenig Spielraum für Eigenstudium aus. Und es gibt die Tendenz, dass sich die Lehre von der aktuellen Forschung abkoppelt. Verschulung heißt ja immer auch, dass kanonisches, verfestigtes, in spezifischen Lehrbüchern dargelegtes Wissen vermittelt wird.

SZ: Und die zweite Gefahr?

Nida-Rümelin: Die besteht in der Differenzierung zwischen reinen Forschungs- und reinen Lehrprofessuren, die die Hochschulen zunehmend machen. Eine Tendenz zeichnet sich bereits ab. Die Wissenschaftspolitik hat wohl überrascht festgestellt, dass die neun Stunden Lehrverpflichtung, von denen deutsche Professoren schon immer sagten, sie seien im internationalen Vergleich extrem hoch, Berufungen aus dem Ausland behindern, nicht nur aus den USA, auch aus Italien beispielsweise.

SZ: Ist der Bachelor ein Fremdkörper im deutschen Hochschulsystem?

Nida-Rümelin: Die Kultusministerkonferenz hat in den 70er Jahren versäumt, die Fachhochschulen in großem Maßstab auszubauen. Schon damals gab es Bedarf an stärker anwendungs- und weniger wissenschaftsorientierten Studiengängen. Jetzt versucht man – Jahrzehnte später – diesen strategischen Grundfehler der Hochschulpolitik dadurch zu korrigieren, dass man nun ein Großteil der Universitäten faktisch in Fachhochschulen oder Berufsakademien umbaut. Das ist ein riskantes Spiel.

SZ: Der Bachelor ist verschult, die Ausbildung aufgesplittet in Module, und nach drei Jahren ist Schluss. Wie lässt sich so Bildungsqualität herstellen?Nida-Rümelin: Es ist noch zu früh, das wirklich zu beurteilen. Es gibt aber die Erfahrung aus der Vergangenheit, dass sich der Arbeitsmarkt und die Unternehmen erstaunlich flexibel an das Bildungssystem anpassen, nicht nur umgekehrt. Das berühmteste Beispiel ist die massive Ausweitung der Studienkapazitäten in den Geisteswissenschaften in den letzten 30 Jahren. Zuvor kamen die Absolventen fast ausschließlich als Gymnasiallehrer im Schuldienst unter. Doch dann entstand für dieses Qualifikationsprofil, den Magister in Germanistik oder Geschichte etwa, auch eine Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt. Die damalige Befürchtung jedenfalls, es entstünde ein akademisches Proletariat, hat sich als unbegründet herausgestellt.

SZ: Und jetzt?

Nida-Rümelin: Schwer abzuschätzen. Die Unternehmen werden sich auf eine neue Situation einstellen müssen. Wenn man die Reform ernstnimmt, muss das Gros der Studierenden die Universität nach drei Jahren mit dem Bachelor verlassen und kann kein Master-Studium von weiteren zwei Jahren anschließen. Sonst hätten wir ja keine Studienzeitverkürzung, wie mit der Reform beabsichtigt. Der größte Teil der Absolventen ist dann aber nicht so ausgebildet, wie das nach einem Diplom-, Staatsexamens- oder auch Magister-Studiengang der Fall war. Den berufsfertigen Universitätsabgänger jedenfalls wird es weitaus seltener geben; wie in den USA wird das Learning on the Job immer wichtiger.

SZ: Und die Unternehmen stellen den Akademiker light wirklich ein?

Nida-Rümelin: Die Unternehmen haben auf diese Reform gedrängt, jetzt sind sie auch gefordert.

SZ: Gibt es eine ausreichende Qualitätskontrolle, die einen Wildwuchs der neuen Studienangebote begrenzen kann?

Nida-Rümelin: Der Bildungsmarkt ist insgesamt im Umbruch, private Anbieter spielen eine größere Rolle. Angebote minderer Qualität werden sich kaum verhindern lassen. Es gibt den Versuch, das durch sogenannte Akkreditierungen in den Griff zu bekommen, die im Übrigen neue Probleme aufwerfen. Denn es sind außeruniversitäre Instanzen, die sie vornehmen, was die Freiheit von Forschung und Lehre, wie sie im Grundgesetz garantiert ist, gefährden könnte. Aber schauen wir in die USA, dort gibt es genau diesen Wildwuchs, die gesamte Bandbreite der Qualität – von nur zweijährigen oft dürftigen Studiengängen an Community Colleges in der Prärie bis zu hochkarätigen Abschlüssen an exzellenten Universitäten. Die US-Unternehmen wissen damit ebenso umzugehen wie mit der Tatsache, dass der Bachelor dort einen ganz anderen Charakter hat als den, der sich jetzt in Europa und vor allem Deutschland abzeichnet. Er ist dort eher allgemeinbildend und bietet zahlreiche Wahlfreiheiten, hier ist er meist auf ein Fach verengt und stark verschult.

SZ: Juristen, Mediziner oder auch Künstler wehren sich mit Händen und Füßen gegen die Umstellung. Sind es gerade deren Fächerkulturen, zu denen das neue Raster am wenigsten passt?Nida-Rümelin: Man muss schauen, was man aufgibt und was man bekommt. Man gewinnt beispielsweise eine gewisse Normierung und macht transparenter, was die Studierenden wirklich gelernt haben. Das sind die Pluspunkte. Negativ schlägt zu Buche, dass die Reform international hochrenommierte Studienabschlüsse entwertet. Dazu gehört der deutsche Diplom-Ingenieur, dazu gehört das Staatsexamen in Jura, das nun einmal eine wichtige Rolle für Karrieren spielt. Und dazu gehören die traditionsreichen und weltweit angesehenen geisteswissenschaftlichen Magister-Abschlüsse.

SZ: Aber dafür sind die neuen Abschlüsse international vergleichbar.

Nida-Rümelin: Das Ziel ist zumindest so formuliert worden – besonders in Hinblick auf die transatlantische Konkurrenz. Aber es wird sehr wahrscheinlich auf breiter Front verfehlt, weil ausgerechnet die US-Universitäten den Bachelor nach nur mehr insgesamt 15 Schul- und Hochschuljahren nicht einfach anerkennen werden. Dort geht die Schulausbildung zwar auch über zwölf Jahre, das Bachelorstudium aber über vier, macht zusammen 16. Den Bachelor auf vier Jahre anzulegen, wäre nach den Bologna-Vorgaben durchaus möglich gewesen. In Deutschland hat man darauf verzichtet.


SZ: Um zu sparen?

Nida-Rümelin: Das war sicher das Hauptmotiv. Auf jeden Fall ist dies ein großer Fehler bei der Umsetzung, den kann man nicht den Bologna-Autoren in die Schuhe schieben. Wenn also schon die Reform gegen die transatlantische Konkurrenz nichts ausrichtet, die Angleichung an das anglo-amerikanische System zeigt zumindest einen positiven Nebeneffekt: Ein Studium in Westeuropa wird attraktiver für Osteuropäer sowie Ost- und Südasiaten.

SZ: Fördert die Reform wenigstens die propagierte Mobilität der deutschen Studenten?

Nida-Rümelin: Wie eigentlich schon vorab zu vermuten: Eine Verschulung bringt nicht mehr Mobilität, sondern weniger. Bei den auf drei Jahre verdichteten Studiengängen ist ein Wechsel nun einmal riskant. Da hilft auch das Punktesystem nichts, das im Übrigen nicht europaweit einheitlich, sondern ganz unterschiedlich eingesetzt wird. Nicht nur in dieser Frage gilt: Gemessen an den ursprünglichen Zielen muss der Bologna-Prozess heute als gescheitert gelten.

SZ: Welche weiteren Ziele sind das?

Nida-Rümelin: Die Umstellung sollte die Zahl der Studienplätze erhöhen, die Betreuung intensivieren und die Abbrecherquote senken. Die Abbrecherquote sinkt in der Tat in den geistes- und sozialwissenschaftlichen Studiengängen, die umgestellt sind, dafür aber steigt sie in den anderen Fächern; im Schnitt nimmt sie zu. Und da die Betreuungsintensität, die sogenannten Kontaktzeiten – das heißt wirklich so im Bürokratendeutsch – zwischen Lehrenden und Studierenden zunehmen, die Zahl der Dozenten aber allenfalls unwesentlich ausgeweitet wurde, steigen die Kapazitäten insgesamt nicht, sondern sie sinken.

SZ: Ist da die Reform das Übel? Oder bekommen die Hochschulen nicht schlicht zu wenig Geld?

Nida-Rümelin: Das ist der Punkt. Dass wegen der chronischen Unterfinanzierung die Betreuungsrelation sehr ungünstig ist, wurde bisher durch ein geringes Maß an Strukturierung und eben eine schlechte Betreuung der Studierenden abgefangen. Jetzt soll sich dies verbessern, ein vernünftiges Ziel, doch lässt es sich nur mit zusätzlichem Personal und zusätzlichen Räumen verwirklichen.

SZ: Lässt sich die Reform noch retten?

Nida-Rümelin: Lamentieren hat so wenig Sinn wie Schönreden, wozu die Wissenschaftspolitik im Moment neigt. Der Hochschulverband indes hat neulich gefordert, den Bologna-Prozess in Teilen auszusetzen. Auch für solche Diskussionen ist jetzt der falsche Zeitpunkt. Die Reform muss bis 2010 abgeschlossen werden, aber dann wird an einer Reform der Reform kein Weg vorbeiführen. Und zwar eine, die die Vorteile der Umstellung – stärkere Strukturierung, intensivere Betreuung – mit einer Renaissance des Humboldtschen Universitätsideals verbindet. Vielleicht mussten die Anfängerfehler sein, damit es im zweiten Anlauf besser klappt.

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