Feilschen um junge Ärzte

Nachwuchsmangel bei Medizinern erkennt die FTD

Wegen des Ärztemangels bezahlen immer mehr Universitätskliniken ihre Studenten im praktischen Jahr. Die Charité versucht hingegen, den Nachwuchs mit Zwang zu halten.

Im Kampf um junge Ärzte haben die Krankenhäuser jetzt die Studenten im praktischen Jahr entdeckt. Bisher ist dieser letzte Ausbildungsabschnitt, in dem die angehenden Ärzte ähnlich wie Rechtsreferendare Vollzeit auf den Stationen mitarbeiten, an den meisten Universitätskliniken unbezahlt. Aber immer mehr Unis brechen dieses Tabu, um guten Nachwuchs anzulocken.

Die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) etwa bietet seit März eine monatliche Aufwandsentschädigung im praktischen Jahr: Der Senat empfiehlt 400 Euro, überlässt die Entscheidung aber den einzelnen Abteilungen. Hintergrund ist die örtliche Konkurrenz der privaten Lehrkrankenhäuser, die zwischen 150 und 700 Euro zahlen. „Wir mussten reagieren, um die besten jungen Mediziner zu halten“, sagt ein Sprecher der MHH: „Zukünftig müssen alle Krankenhäuser neben fachlichen Perspektiven auch finanzielle Anreize bieten.“

Der Medizinische Fakultätentag, eine Art Dachverband der medizinischen Lehre, widerspricht: „Das praktische Jahr ist Teil der Ausbildung“, sagt Präsident Gebhard von Jagow, „das Krankenhaus bringt die Leistung, die Studenten lernen – eine Bezahlung ist nicht zu rechtfertigen.“ Zudem sei es nicht zulässig, Geld aus der Krankenversorgung für die Ausbildung von Studenten zu verwenden.

Auslöser der Debatte ist der akute Nachwuchsmangel bei Medizinern. Während vor 14 Jahren noch jährlich 12.000 Absolventen auf den Markt strömten, sind es heute nur noch 8700. Zugleich ist der Anteil der jungen männlichen Ärzte auf rund 40 Prozent gesunken. Ärztinnen aber arbeiten häufiger in Teilzeit oder pausieren für die Kindererziehung. Deshalb müssen statistisch zwei Ärzte durch drei Ärztinnen ersetzt werden.

Noch dazu orientieren sich nicht wenige Studenten und Absolventen in Richtung Ausland, weil dort Gehalt und Arbeitsbedingungen attraktiver sind. In der Schweiz etwa können Studenten im praktischen Jahr – im Klinikjargon PJler genannt – bis zu 1500 Euro verdienen. 2500 fertige junge Ärzte verlassen jährlich die Bundesrepublik, um anderswo einen lukrativeren Job anzunehmen. Die Folge: Laut Bundesärztekammer können schon jetzt 28 Prozent der deutschen Krankenhäuser frei werdende Stellen nicht besetzen. In Ostdeutschland findet sogar über die Hälfte der Kliniken nicht genügend Nachwuchs.

Private Krankenhäuser reagierten als erste

Als Erstes reagierten die privaten Krankenhäuser auf diese Krise: Ende 2006 vereinbarten die Helios-Kliniken mit dem Marburger Bund, ihren PJlern monatlich 400 Euro zu zahlen. „Wir müssen Anreize setzen, damit die jungen Mediziner zu uns kommen“, sagt Parwis Fotuhi, Leiter der Helios-Akademie. Andere private und kommunale Krankenhäuser ziehen nach. Von den Unikliniken schwenkte als erste im vergangenen September das Deutsche Herzzentrum in München um und zahlte 400 Euro. Mittlerweile wird auch in einigen anderen Unikliniken vergütet, allerdings zumeist unter der Hand oder in Form von Stipendien oder Essensgutscheinen. Das Deutsche Herzzentrum betont, dass man vor allem das „hohe Engagement“ der PJler würdigen möchte – selbst wenn es immer genügend qualifizierte Bewerber gebe.

Es ist auch eine Diskussion darüber, was die Arbeit der PJler wert ist. Die abtrünnige Medizinische Hochschule Hannover verweist darauf, dass jeder Auszubildende in einem Lehrberuf für seine Leistung entlohnt werde. Tatsächlich werden die PJler fast wie Assistenzärzte zur Versorgung der Patienten eingesetzt. Sie übernehmen viele zeitaufwendige Aufgaben wie das Blutabnehmen und Schreiben von EKGs – alles ohne Bezahlung. Viele müssen nebenher am Wochenende arbeiten oder einen Kredit aufnehmen, um das PJ finanziell zu stemmen.

„Je weniger Studierende es gibt, desto stärker wird der Kampf um die besten Köpfe“, so der Sprecher der MHH, „auch die Medizin muss sich nach den Gesetzen des Markts richten.“ Die Uniklinik sieht sich in einer Vorbildfunktion: „Wir sind auf dem richtigen Weg.“

Auf jeden Fall hat die MHH vor Ort Konkurrenzdruck erzeugt: Drei Monate später zog das Klinikum Region Hannover nach, einer der größten öffentlichen Krankenhausträger in Deutschland. Damit bezahlen nun alle großen Träger im Großraum Hannover ihre PJler.

Die meisten Universitätskliniken halten aber nach wie vor daran fest, dass das praktische Jahr Teil des Studiums und deshalb nicht zu bezahlen sei. Manche versuchen gar, den privaten Lehrkrankenhäusern vor Ort eine Entlohnung der PJler zu verbieten oder deren Abwanderung zwangsweise zu stoppen: Die Charité in Berlin etwa ermöglicht ihren Studenten seit dem Frühjahr schlicht nicht mehr, ihr PJ in Helios-Kliniken abzuleisten. Patrick Weinmann vom Sprecherrat der Medizinstudenten im Marburger Bund erkennt darin eine Art moderne Sklaverei: „Aufgrund einer nicht mehr zeitgemäßen Approbationsordnung können die Universitätskliniken entscheiden, wer an welche Klinik geht. So wird jeglicher Wettbewerb verhindert.“ Die Studenten selbst hätten keinerlei Rechte. Die Charité kontert: „Es ist zweifelhaft, ob ein bezahltes Praktikum vom Landesprüfungsamt als Teil des Studiums anerkannt werden kann“, so Manfred Gross, Prodekan für Studium und Lehre.

Kritische Stimmen bezeichnen die juristische Argumentation als vorgeschoben. „Die Unikliniken wollen schlicht sparen“, sagt Weinmann. Gross räumt diesen Vorwurf indirekt ein: Wenn das PJ bezahlt würde, entstünden der Charité jährliche Zusatzkosten in Höhe von 4 bis 5 Mio. Euro. „Der Staatszuschuss ist bisher jedoch nicht so bemessen, dass Gehälter während des praktischen Jahrs einkalkuliert sind.“

Praktisches Jahr
Lehrkrankenhäuser Ob Kliniken den Ärzten im praktischen Jahr ein Honorar zahlen, ist von Region zu Region und von Träger zu Träger unterschiedlich. Im Raum Göttingen bekommen die angehenden Ärzte zwischen 100 und 750 Euro. Im Raum Marburg/Gießen liegt die Vergütung zwischen 150 und 450 Euro. In Bremerhaven und Wilhelmshaven bekommen die „PJ-ler“ 1200 Euro, wenn sie sich für zwei Jahre als verpflichten. In Baden-Württemberg gibt es offiziell gar kein Geld für PJler. An der Uniklinik Tübingen allerdings bekommen die Praktikanten 150 Euro im Monat.
Ketten Auch unter den privaten Trägern gibt es Unterschiede. In Dresden zahlen private Ketten bis zu 350 Euro. Die SRH Kliniken zahlen nach Informationen des Marburger Bundes in Thüringen 400 Euro.
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