Medizinische Zentren verändern Praxissystem

Hamburg ­ Medizinische Zentren krempeln die deutsche Praxislandschaft schleichend um. Davon sind Experten wie Walter Plassmann, stellvertretender Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg, überzeugt. Binnen der kommenden zehn Jahre wird die Facharztpraxis um die Ecke seiner Überzeugung nach zum Auslaufmodell. «Den Zentren gehört die Zukunft», sagt auch Egbert Schuhr von der Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK) in der Hansestadt.

Im Gegensatz zum klassischen Ein-Mann-Modell arbeiten Mediziner in den Zentren als Angestellte für Kollegen oder Unternehmen. «Die meisten von ihnen sind Fachärzte», sagt Plassmann. Bundesweit gab es Ende 2007 rund 10 400 angestellte Ärzte im ambulanten Bereich. Zehn Jahre zuvor waren es nach Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) noch 7300.

«Die Vorteile für die Patienten liegen auf der Hand», erklärt Krankenkassen-Experte Schuhr. Zum einen verkürzten sich die Wartezeiten und Wege zwischen den Fachärzten. Zum anderen gebe es längere Öffnungszeiten, weil im Schichtbetrieb gearbeitet wird. Auch Doppeluntersuchungen sowie Nebenwirkungen von Medikamenten könnten vermieden werden, da sich die Ärzte unter einem Dach besser abstimmen können. Damit würden nicht zuletzt Behandlungskosten gespart, sagt Schuhr.

Aber nicht nur Patienten und Krankenkassen, auch die Mediziner profitieren: normalerweise geben sie in den Praxen bis zu 80 Prozent ihres Einkommens für teure Geräte aus, sagt Plassmann. Dafür verschulden sie sich oft über Jahrzehnte. «Diese Kosten kann ein Facharzt alleine gar nicht mehr stemmen.» In den Zentren werden die Risiken jedoch auf mehrere Schultern verteilt. Besonders für Berufsanfänger sei eine Anstellung oder Partnerschaft deswegen interessant, erzählt er.

Grundlage für die Gemeinschaftsmodelle ist zum einen die Gesundheitsreform von 2004. Sie erlaubte es neben Vertragsärzten erstmals auch Krankenhäusern und Unternehmen, Medizinische Versorgungszentren (MVZ) in Deutschland zu betreiben. Etwa die Hälfte von ihnen wird nach Angaben der KBV von Unternehmen betrieben. Als Träger müssen die Konzerne Kassenzulassungen von niedergelassenen Medizinern aufkaufen ­ und damit eine gesamte Praxis samt Inventar.

Diese können je nach Fachrichtung zwischen zehntausend und zwei Millionen Euro kosten, erklärt Plassmann. Am preiswertesten seien Hausarzt-, am teuersten Radiologen- oder Kardiologenpraxen. Der Wert errechne sich aus dem Inventar und dem ideellen Wert der Praxis. Dieser hängt auch vom Patientenstamm ab, sagt der Experte.

Weit mehr als die MVZs werden jedoch Gemeinschaftsmodelle niedergelassener Ärzte die Praxislandschaft verändern, sagt Plassmann. Seit der Liberalisierung des Vertragsarztrechts vor zwei Jahren haben sie es leichter, Praxisfilialen zu eröffnen und Kollegen in größerem Umfang anzustellen. Dadurch werden Mediziner immer häufiger zu Leitern von Praxis-Ketten und Chefs vieler Angestellter. «Je spezialisierter die Fachärzte sind, desto größer die Einheiten.» In Hamburg gebe es beispielsweise bereits eine Kardiologie-Kette mit acht Niederlassungen und 30 Medizinern.

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