Medizinstudium in Ungarn

„Jó napot kivanok!“ – Wenn Sie jetzt kein Wort verstanden haben: das ist ungarisch! Das und vieles, vieles mehr müssen junge Leute lernen, die in Ungarn Medizin studieren.Ja, schon wieder ein Artikel zum Thema Studium in Ungarn; uns sind die bisher erschienenen Artikel bekannt – sie polarisierten stark. Wir, drei Medizinstudenten aus Pécs (Fünfkirchen), im fünften bzw. neunten Semester möchten hier einige Aspekte – durchaus auch selbstkritisch – beleuchten. Bild wird nur bei bestehender Internetverbindung geladen!
Dass wir, die hier studieren, keinen Abiturnotenschnitt von 1,0 haben, ist Fakt. Dass wir dennoch die Chance haben, ohne jahrelanges, zermürbendes Warten unseren Traumberuf erlernen zu dürfen, basiert auf der cleveren Marktidee der ungarischen Universitäten Budapest, Szeged und Pécs. Neben einem englischsprachigen Studiengang seit 2004 auch ein komplettes Studium in deutscher Sprache anzubieten – allerdings zu einem stolzen Preis: 5.800 Euro pro Semester ist enorm viel Geld. Zum Vergleich: das Einklagen eines Studienplatzes in Deutschland kostet im Durchschnitt 10.000 Euro; für den Gegenwert einer Klage mit ungewissem Ausgang kann man beinahe zwei Semester in Ungarn studieren.

Schon das Auswahlverfahren hier bietet enorme Vorteile: Ausbildungen im pflegerischen Bereich, Arbeit im Rettungsdienst sowie freiwilliges soziales Engagement werden ebenso positiv bewertet wie das gute Abschneiden in naturwissenschaftlichen Fächern während der Schullaufbahn. Das bedeutet etwa 200 Studenten im Anfangsjahrgang, pro Universität, die in kleinen Seminargruppen unterrichtet werden. Hier findet keine Massenabfertigung statt wie an großen deutschen Hochschulen, sondern anerkannt fundierte Wissensvermittlung.

Innerhalb der ersten vier Semester verlassen ca. 25 Prozent der Studenten Ungarn – sei es als Abbrecher, oder, weil sie doch noch einen Studienplatz in Deutschland bekommen haben. Von den Verbleibenden bestehen in diesem Jahrgang aktuell etwa 60 Prozent das Physikum. Verständlicherweise kann sich nicht jeder Student (bzw. deren Eltern) diesen Luxus über sechs Jahre hinweg leisten. Daher verlassen viele nach bestandenem Physikum Ungarn, oft jedoch, ohne einen Folgestudienplatz in Deutschland zu haben. Die Chance auf einen Anschlussstudienplatz hat sich in den vergangenen Jahren verschlechtert; zum einen durch Verknappung der Studienplätze insgesamt, zum anderen durch Einführung der Reformstudiengänge an einigen Universitäten, die einen Einstieg nach bestandenem klassischem Physikum unmöglich machen. Gewisser Vorteil für diejenigen, die bleiben: eine Jahrgangsstärke von nur noch maximal zwanzig Leuten ermöglicht einen wirklich unschlagbaren Unterrichtsvorteil in der klinischen Ausbildung.

Die enorme Bedeutung des finanziellen Aspektes bei der Entscheidung bezüglich des Weiterstudierens ist natürlich auch der Universität bekannt. Daher arbeitet sie aktuell in Kooperation mit der Studentenvertretung (Englisch-Deutscher Studierendenausschuss) an einer günstigen Finanzierungsmöglichkeit. Unterstützt werden wir auch durch die deutsche Botschafterin, die sich bei regelmäßigen Besuchen in Podiumsdiskussionen immer wieder aktiv um die Belange deutscher Studenten in Ungarn kümmert.
Leider müssen wir feststellen, dass Institutionen wie die KfW (Kreditanstalt für Wiederaufbau) und andere Banken, aus Mangel an Gewinn keinen Studienkredit für in Ungarn Studierende Deutsche anbieten will.

Auf den Punkt gebracht: Deutschland braucht dringend Ärzte, die Studienplätze werden weiter verknappt. Wenn sich im Ausland die Möglichkeit einer fundierten Ausbildung ergibt, ist es eine legitime Alternative. Von einem „erkauften“ Abschluss kann wirklich keine Rede sein. Hier zeigt sich, dass man auch ohne Eins vor dem Komma in der Durchschnittsnote des Abiturs erfolgreicher Student und engagierter Arzt sein kann. Unabdingbar für einen erfolgreichen Abschluss hier in Ungarn ist nicht nur der wirkliche Wille, Medizin studieren zu wollen, sondern auch Aufgeschlossenheit gegenüber einem fremden Land. Wer neben einer exzellenten Ausbildung internationale Kontakte pflegen möchte, wer Kultur (Pécs ist 2010 mit Essen und Istanbul eine der Europäischen Kulturhauptstädte), Natur und gute Küche liebt, der ist hier richtig. Willkommen in Ungarn! – „Viszontlàtàsra!“.

Quelle: Dieser Artikel stammt aus dem Bayrischen Ärzteblatt und wurde mit freundlicher Genehmigung der Bayrischen Landesärztekammer veröffentlicht. Das aktuelle Heft ist jeweils komplett online verfügbar unter: http://www.blaek.de

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