Prämienanstieg bringt Mediziner in Bedrängnis / Axa: Schadenquoten sind zu hoch

Der Versicherungskonzern Axa zwingt flächendeckend die bei ihm versicherten niedergelassenen Ärzte in Deutschland, neue Haftpflichtversicherungen abzuschließen. Entsprechende Schreiben gehen seit einigen Wochen bei den Medizinern ein. Die Ärzte können sich entscheiden, entweder ein deutlich teureres Angebot anzunehmen oder die Kündigung zu akzeptieren. Da die Axa Marktführer in Deutschland ist, trifft die Maßnahme Tausende Mediziner.Besonders betroffen sind Anästhesisten, Chirurgen und Plastische Chirurgen, Orthopäden sowie Frauenärzte mit Geburtshilfe. Sie berichten, die von der Axa jetzt geforderten Prämien lägen erheblich über den bisherigen Sätzen; vielfach ist von einer Verdoppelung die Rede. Ohne Haftpflichtversicherung zu arbeiten ist für niedergelassene Ärzte keine Option, da das finanzielle Risiko zu hoch ist. Wie teuer eine Versicherung wird, ist nur grob zu beziffern. Die Prämien werden individuell berechnet; sie richten sich etwa nach der Zahl der Eingriffe und der Komplexität des Aufgabengebiets. Die Beträge können von 5000 Euro je Jahr für einen Anästhesisten bis zu 50 000 Euro im Jahr für Frauenärzte reichen.

„Bei uns gehen seit einigen Wochen verstärkt Meldungen von Ärzten ein, die von einem Anschreiben der Axa berichten“, bestätigt der Berufsverband deutscher Anästhesisten. Es handele sich fast ausschließlich um Kunden der in der Axa aufgegangenen DBV Winterthur. Die Ärzte beschwerten sich darüber, dass die neuen Konditionen prohibitiv seien und ihnen nur die Kündigung bleibe. Zudem wird das technokratisch-nüchterne, geradezu abweisende Schreiben der Versicherung moniert. „Die Axa lässt uns bewusst im Regen stehen. Das ist unerhört. Hier geht es schließlich um unsere Existenz“, echauffiert sich ein Arzt. Der Berufsverband der Anästhesisten bietet nun als Reaktion zusammen mit der Versicherungskammer Bayern eigene Haftpflichtversicherungen an. Der Rahmenvertrag sehe Deckungssummen von 5 oder 10 Millionen Euro je Versicherungsfall vor. Details müssten individuell geregelt werden.

Aus vielen kleinen Kliniken wird berichtet, sie verzichteten inzwischen auf eine gynäkologische Station mit Geburtshilfe, weil die Haftpflichtversicherung unerschwinglich geworden sei. Es fänden sich schlicht keine (Beleg-)Ärzte mehr, die eine geburtshilfliche Tätigkeit in diesen Häusern ausübten. Geburtsschäden gelten als besonders teuer, weil sie womöglich ein Leben lang abgegolten werden müssen und auch Verdienstausfälle nach sich ziehen können. Von größeren Kliniken heißt es, sie hätten sich angesichts der steigenden Prämien entschieden, auf die Versicherung zu verzichten und einen aus Honoraren befüllten Pool zu gründen, aus dem Ansprüche gegen einzelne Ärzte befriedigt werden.

„Ein Frauenarzt muss für die Belegarzttätigkeit mit Geburtshilfe bei einer Deckungssumme von 5 Millionen Euro zwischen 25 350 und 47 986 Euro Versicherungssumme im Jahr zahlen, sofern er schadensfrei ist. Liegen schon regulierte Schadenfälle vor oder sind Patientenansprüche angemeldet, ist die Summe noch höher“, sagt die Justitiarin des Berufsverbandes der Frauenärzte, Claudia Halstrick. Für eine vaginale Geburt erhalte der Arzt (bei der Behandlung von gesetzlich versicherten Patienten) 149,55 Euro. Sollte ein Kaiserschnitt notwendig sein, gebe es 81 Euro Zuschlag. „Der Arzt muss also rund 200 Geburten im Jahr erbringen, um nur die Versicherungssumme abzudecken. Ein Belegarzt hat im Durchschnitt aber nur etwa 100 Geburten im Jahr“, sagt Halstrick. Ein Teil der geburtshilflich tätigen Belegärzte habe die Tätigkeit deshalb schon eingestellt.

Die Axa bestätigt, dass sie die Ärzte anschreibt. „Wir machen flächendeckend neue Angebote. Das kann eventuell auch zu Kündigungen führen“, sagt eine Unternehmenssprecherin. „Aber dadurch wird es keine Engpässe geben. Der Markt funktioniert.“ Nach Jahren des Verlusts in der Haftpflicht für niedergelassene Ärzte habe sich die Axa für eine Anpassung der Prämien entschieden. „Wir haben Schadenquoten bis zu 200 Prozent“, sagt die Sprecherin. Für jeden Euro Beitrag habe die Axa also bis zu 2 Euro auszahlen müssen. Die Gerichte sprächen schon seit längerem höhere Schadenssummen zu, Arzt und Versicherer hätten es mit Schmerzensgeld, Folgebehandlungskosten, Verdienstausfall, Frührente oder Schwerbehindertenrenten zu tun. „Wir geben dieses Geschäftsfeld nicht auf, aber wir brauchen eine faire Chance, es ohne Verlust zu betreiben“, sagt die Axa-Sprecherin.

Die Mediziner sehen es von der anderen Seite. Einer bringt es auf den Punkt: „Heute gibt es Patienten, die kommen sozusagen schon mit dem Rechtsanwalt zur Behandlung. Wegen allem Möglichen wird geklagt. Das ist eine merkwürdige Entwicklung der Mentalität. Oft zahlt die Versicherung ohne genaue Prüfung oder Gerichtsverfahren eine Abschlagssumme, um den Ärger loszuhaben. Wir aber haben den Ärger und die Kosten noch dazu.“

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