Zähne ziehen wie am Fließband

„Morgens und abends Zähneputzen nicht  vergessen!“ Dieser Satz gehört wohl zu den Ermahnungen, die Kinder immer  wieder hören. Zumindest bei uns zulande. In Afrika sieht es oftmals  anders aus. „Selbst viele erwachsene Menschen haben dort noch nie eine  Zahnbürste in der Hand gehabt“, sagt der Osnabrücker Zahnarzt Dr. Marc  Lamek. Knapp zwei Wochen war er in diesem Jahr im westafrikanischen  Senegal, um die Bevölkerung dort von starken bis unerträglichen  Zahnschmerzen zu befreien.
„Ein Präventionsbewusstsein, so wie wir es hier von klein auf kennen,  ist dort gar nicht vorhanden“, berichtet der Zahnmediziner. Ärzte  seines Fachbereichs seien in Afrika allenfalls in den wohlhabenden  Regionen oder in den großen Städten bekannt. In Armenvierteln lebten die  Menschen oftmals über mehrere Jahre mit riesigen Löchern in ihren Zähnen – und natürlich auch mit den damit verbundenen Schmerzen.

„Es ist unfassbar und erschütternd, was man da sieht“, sagt Lamek.  Für ihn war es der erste Hilfseinsatz dieser Art, den er ehrenamtlich im  Ausland geleistet hat. Sein neunjähriger Sohn Luca hatte ihn auf die  Idee gebracht: „Er kam nach Hause und fragte mich, ob ich nicht mit  seinem Lehrer nach Afrika gehen wolle, um zu helfen.“ Sein Sohn besucht  die Albert-Schweitzer-Schule in der Dodesheide und sein Lehrer heißt Lars Poppenburg.  Im Zusammenhang mit Hilfsaktionen für Afrika ist sein Name in der Stadt  bekannt: Poppenburg engagiert sich bereits seit mehreren Jahren für das  senegalische Dorf Souda. Mithilfe vieler privater Spender hat er dort  in den vergangenen Jahren nicht nur eine Schule, sondern auch eine  Krankenstation bauen lassen.
<h2>Auf Gartenstühlen</h2>
Bei seinen Besuchen fiel ihm immer wieder nicht nur das  Bildungsproblem auf, das in fast allen Armenvierteln der Welt auftritt.  Die große medizinische Unterversorgung regte den 34-Jährigen an, auch in  diesem Bereich etwas für die Menschen zu tun. So kam er auf die Idee,  dass der Vater eines seiner Schüler, eben Dr. Marc Lamek, mit ihm nach  Afrika reisen könnte, um den Bewohnern zahnmedizinische Hilfe zu  leisten.

„Ich habe die Praxis hier in Osnabrück zwei Wochen geschlossen und bin mit Lars Poppenburg  nach Afrika geflogen“, berichtet Lamek. Was er dort erlebt und auch  geleistet hat, habe er bis heute nicht vollständig realisiert. In einem  provisorisch eingerichteten Behandlungszimmer habe er jeweils drei  Menschen zeitgleich auf Garten-stühlen behandelt. Während bei den einen  noch darauf gewartet werden musste, dass die Betäubung wirkt, wurden die  Zähne bei den nächsten Patienten bereits gezogen.

Um andere Behandlungsmethoden als das Ziehen der Zähne habe er sich  gar keine Gedanken mehr machen müssen, merkt Lamek an. Denn die  zahlreichen Löcher, mit denen die afrikanischen Patienten zu ihm kamen,  waren meist schon so groß, dass Füllungen schlichtweg keinen Sinn mehr  gemacht hätten. Pro Tag versorgte er rund 30 bis 40 Patienten. Jedem  Patienten mussten in der Regel mindestens zwei oder drei Zähne  gezogen werden. „Man kann schon sagen, dass es am Tag durchaus 100  Zähne waren“, sagt der Osnabrücker Zahnarzt und fügt hinzu: „So viele  ziehe ich hier nicht mal in einem Jahr.“
<h2>Stifte im Gepäck</h2>
Dass ein Deutscher kommt, der helfen wird, hatte sich in dem  senegalischen Dorf bereits lange vor Lameks Ankunft rumgesprochen. „Auch  weit über die Dorfgrenzen  hinaus“, erzählt er lächelnd. Sogar aus dem Nachbarland Gambia waren  Menschen gekommen, um sich behandeln zu lassen. Viele hätten außer ihren  Zahnbeschwerden andere Arten von Erkrankungen und Schmerzen gehabt.  Auch für die hatte er sich gerüstet und entsprechende Medikationen zur  Grundversorgung mit nach Afrika gebracht. Für Kinder hatte er außer  mehreren Hundert Zahnbürsten und Zahnpasta auch Schulhefte und Stifte im  Gepäck. Denn: „Wer keine Stifte und kein Papier hat, darf nicht am  Unterricht teilnehmen.“

Den Osnabrücker Zahnarzt und Familienvater bewegt bis heute die große  Armut, die er zu Gesicht bekommen hat, ebenso wie die große  Lebensfreude und Zufriedenheit, die die Menschen dabei ausstrahlten.  „Die Leute sind zufrieden, Neid oder Missgunst gibt es nicht“, sagt  Lamek. Er lobt auch die große Hilfsbereitschaft der jungen Bevölkerung  Soudas. Denn sie haben bei den Behandlungen fleißig mitgeholfen, ihm  assistiert und es so ermöglicht, dass überhaupt so vielen Menschen pro  Tag geholfen werden konnte.

Auf die Frage, ob er sich vorstellen könnte, einen Hilfseinsatz  dieser Art noch mal durchzuführen, antwortet Dr. Mark Lamek sofort mit  „ja“. „Man sieht dort einfach, dass der Bedarf da ist – und das sicher  auch noch in anderen afrikanischen Ländern.“

 

 

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