EU-Zahnärzte beissen sich in der Schweiz die Zähne aus

Seit Mitte 2004 können Zahnärzte mit EU-Diplom in der Schweiz frei praktizieren. Gegen 1600 Zahnärzte haben in den fünf Jahren seit Einführung der Personenfreizügigkeitihr EU-Diplom beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) anerkennen lassen. Gut die Hälfte sind Deutsche. Doch längst nicht alle haben nach der Registrierung des Diploms auch eine Praxis eröffnet.Seit der Einführung der Personenfreizügigkeit haben sich rund 1600 EU-Zahnärzte hierzulande registriert – davon sind mehr als die Hälfte Deutsche. Nur ein kleiner Teil hat eine eigene Praxis eröffnet. Dies zeigt die Statistik der Schweizerischen Zahnärztegesellschaft (SSO). Vor der Personenfreizügigkeit lag die Zahl der Praxiseröffnungen jeweils bei 70 bis 80 pro Jahr. Seit 2004 eröffnen durchschnittlich 140 Zahnärzte eine neue Praxis – rund 80 Praxen gehen pro Jahr jeweils zu. Die Zunahme um etwa 60 neu eröffnete Praxen pro Jahr geht zum grossen Teil aufs Konto der zugewanderten EU-Zahnärzte. Somit haben seit Einführung der Personenfreizügigkeit bloss einige Hundert EU-Zahnärzte effektiv eine Praxis eröffnet, deutlich weniger, als dies aufgrund der Anerkennung ihres Diploms hätten tun können.

«Der Markt ist gesättigt»

Dies erstaunt, denn die Schweiz gilt für ausländische Zahnärzte als attraktiv. So sind die Preise für die Zahnbehandlungen rund ein Drittel höher als in Deutschland, und entsprechend lässt sich mehr Geld verdienen. «Viele der Zuwanderer mussten merken, dass die Schweiz kein Schlaraffenland ist», sagt Peter Wiehl, Kantonszahnarzt von Basel-Stadt. Einerseits würden Patienten ihren langjährigen Zahnarzt nicht einfach wechseln, solange sie zufrieden seien. Zudem seien in der Schweiz nicht nur die Einkommen der Zahnärzte höher, sondern auch die Mieten, Materialkosten und Löhne des Praxispersonals. «Der Markt ist gesättigt», begründet SSO-Sekretär Alex Weber das steinige Pflaster für Neulinge.

Zahnärzte als Wanderarbeiter

Der Zürcher Kantonszahnarzt Werner Fischer schätzt für seinen Kanton, dass es ein Drittel zu viele Zahnärzte gibt. Jährlich würden dennoch 50 bis 60 neue Praxisbewilligungen erteilt, davon etwa zur Hälfte an deutsche Zahnärzte mit EU-Diplom. Aber manche der Neuzuzüger verschwänden rasch wieder vom Markt, weil sie nicht genügend Patienten für ihre Praxis gewinnen könnten. Andere praktizierten an mehreren Standorten, um flexibel auf Kundenströme reagieren zu können. Solche Praxisfilialen teilen sich jeweils mehrere Zahnärzte zusammen; meist hat der Praxisbesitzer freie Kapazitäten, die er stunden- oder tageweise vermietet. Die wandernden Zahnärzte versuchen so herausfinden, wo die Marktchancen am besten sind.

Vom übersättigten Markt in der Schweiz profitieren die Patienten nur am Rande. Die Preise sind trotz ausländischer Konkurrenz weitgehend stabil geblieben. «Die deutschen Zahnärzte kommen nicht hierher, um weniger zu verdienen als ihre Schweizer Kollegen», sagt Wiehl. Im Basler Stadtkanton besitzen 50 der 170 Zahnärzte ein EU-Diplom. Die meisten kommen aus Deutschland. Basel–Stadt ist insofern ein Spezialfall, als einige deutsche Zahnärzte sowohl im grenznahen Gebiet in Deutschland wie in der Schweiz praktizieren.

Konkurrenz auch aus Bern

Auch in Bern sorgen deutsche Zahnärzte seit einigen Jahren für Konkurrenz. Der Kanton Bern hat mit 610 Praxen am zweitmeisten Zahnärzte hinter Zürich mit seinen rund 800 zahnärztlichen Praxisstandorten. Von den 2009 erteilten 36 Berufsausübungsbewilligungen gingen im Kanton Bern dieses Jahr 20 an EU-Zahnärzte, vor allem an Deutsche. Diese Zunahme um rund 5 Prozent ist seit Jahren konstant.

Statt in eigene Praxen ging ein beträchtlicher Teil der Zuwanderer in Zahnarztzentren, die erst in den letzten Jahren entstanden sind. In diesen Zentren arbeiten die Zahnärzte zwar auf eigene Rechnung, sind aber eingemietet. Auch hier werden die Kunden aber meist nicht mit tieferen Preisen, sondern mit langen Öffnungszeiten angeworben. Diese neue Konkurrenz wirkt sich auf die etablierten Zahnärzte aus. «Das Kundenbewusstsein ist gestiegen», sagt SSO-Sekretär Weber. Auch andere Zahnärzte müssten ihren Kunden flexiblere Behandlungszeiten anbieten. Zudem gebe es keine langen Wartezeiten mehr, eine Folge des gesättigten Marktes.

Die Kehrseite ist, dass einige Zahnärzte ihren Umsatz zu halten versuchen, indem sie die Patienten «überarzten», wie Fischer sagt. Bei den Preisen sieht er keine grosse Möglichkeit nachzugeben. «Wer die Qualität halten will, für den ist der Spielraum nicht gross.» Vom Jahresumsatz von einer halben Million Franken für eine ausgelastete Einzelpraxis gingen rund 75 Prozent weg für Miete, Amortisation, Materialeinkauf und Personalkosten. Dem Zahnarzt bleiben laut Fischer im Schnitt 150’000 Franken brutto. Einen weiteren Grund, warum es ausländische Zahnärzte schwer haben, ortet Fischer im hohen Qualitätsanspruch der Schweizer Patienten: «Schweizer Zahnärzte und Zahntechniker haben eine Uhrmachermentalität.» Wer sich nicht anpasse, könne qualitätsgewohnte Kunden kaum halten. Dies müssten auch zuziehende Zahnärzte merken, die sich bisher an eine Kassenzahnmedizin gewohnt gewesen seien. «Der zahnärztliche Standard in der Schweiz ist hoch.»

Blick in Unterwasserwelt

Die neue Konkurrenz auf dem Zahnarztmarkt treibt auch Blüten. So treten einige ziemlich schrill am Markt auf und lassen im Internet etwa Kunden auf Videoclips von sensationellen Erfolgen bei der ästhetischen Gebisskorrektur erzählen. Oder das Zahnarztzentrum Swiss Smile – mit Standorten im Zürcher Hauptbahnhof, an der Bahnhofstrasse und in St. Moritz – wirbt unter anderem damit, dass sich die Patienten beim Anblick einer virtuellen Unterwasserwelt entspannen können.

Es gibt auch Zahnärzte, die Patienten dem Umsatz zuliebe «überarzten».

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