deutsch-englische Ärztevereinigung: Arbeiten in Großbritannien: Vorbereitung auf den Alltag

Jedes Jahr im August veranstaltet die deutsch-englische Ärztevereinigung
ein dreitägiges Einführungsseminar für deutsche Ärztinnen und Ärzte, die in England arbeiten wollen.Könnte der junge Kollege bitte mal nach vorne kommen?“ Der Angesprochene dreht sich Hilfe suchend um. „Könnten Sie mir mal demonstrieren, wie man eine Krawatte bindet? Aber bitte mit Windsor-Knoten.“ Der zukünftige Arzt im Praktikum geht nach vorne, verknotet etwas unbeholfen beide Enden der Krawatte, doch letztlich sitzt der Knoten da, wo er hingehört. „Well done“, sagt Referent Dr. Thomas Hellwig und entlässt ihn auf seinen Platz.
Eine Krawatte korrekt zu binden ist nicht das Einzige, das man können sollte, wenn man als Mediziner nach Großbritannien gehen möchte. Obwohl die Chancen, als junger Arzt in Deutschland eine Stelle zu bekommen, so gut sind wie lange nicht, entscheiden sich viele, für einen Teil ihrer Weiterbildung oder für immer nach England zu gehen.
Zurzeit arbeiten etwa 3 000 deutsche Ärztinnen und Ärzte in Großbritannien. Der Bedarf, vor allem an Allgemeinmedizinern, ist groß: „Die britische Regierung will das Gesundheitssystem bis zum Jahr 2010 grundlegend reformieren“, berichtet Claudia Huber vom britischen Generalkonsulat in Düsseldorf. „Es wurden mehr Studienplätze geschaffen, und es sollen mehr Krankenschwestern und Ärzte eingestellt werden.“ Dieses sind vor allem Fachärzte, doch auch HOs (junior house officers, AiPler) und SHOs (senior house officers, Assistenzärzte) werden dringend gesucht. „Wir brauchen Ärzte aus dem Ausland, denn es dauert zu lange, eigene Ärzte für den erhöhten Bedarf auszubilden“, erklärt der Intensivmediziner und Beauftragte des National Health Service (NHS), Dr. Steven Atherton. „Wir suchen bis Ende 2005 mehr als 1 000 Ärzte aus dem Ausland.“ Neben guten Stellenaussichten locken vor allem eine fundierte klinische Ausbildung und eine freundliche Arbeitsatmosphäre mit flachen Hierarchien.
Doch die ersten Tage in einem fremden Land können nicht nur wegen des gewöhnungsbedüftigen englischen Essens und Dauerregens anstrengend sein: Sprachprobleme mit Patienten und Kollegen, mangelhafte Kenntnisse über das britische Gesundheitssystem, unbekannte Medikamentennamen, Bürokratie und Formalitäten führen zu Unsicherheit und dem Gefühl, mit allem überfordert zu sein.
Genau so erging es Dr. Christian Herzmann, als er 1999 sein Praktisches Jahr in Leeds begann. „Ich fühlte mich in den ersten Tagen ziemlich verloren“, erinnert sich der heute 31-jährige Assistenzarzt. „Vieles, was für meine Kollegen selbstverständlich war, musste ich mir erst mühsam abschauen und erarbeiten. Dabei waren die sprachlichen Probleme mit den vielen Abkürzungen noch das Geringste.“ Aus Neugier besuchte er damals zusammen mit seinem Kommilitonen Dr. Thomas Hellwig die 40. Jahrestagung der deutsch-englischen Ärztevereinigung (Anglo-German Medical Society, AGMS) in Nottingham. Hellwig hatte in London ähnliche Erfahrungen gemacht wie Herzmann in Leeds. Eines Abends bei einem guten Pint of Guinness hatten die beiden die Idee, einen Kurs für deutsche Ärzte zu veranstalten, die in Großbritannien arbeiten wollen. „Wir wollten nachfolgenden deutschen Ärzten die Angst vor der Fremde nehmen und den Einstieg in das britische Gesundheitssystem erleichtern“, sagt Herzmann. „Warum sollte jeder die gleichen Fehler machen, wenn man von den Erfahrungen anderer profitieren kann?“

„Aber bitte mit Windsor-Knoten“: Dr. Thomas Hellwig (rechts) thematisiert auch alltägliche Probleme.

Die Mitglieder der AGMS waren zunächst skeptisch, sagten aber ihre Unterstützung zu. Noch während ihres Praktischen Jahres organisierten Herzmann und Hellwig zusammen mit Dr. Annika Müller, die in England studierte und daher das Ausbildungssystem von der Pieke auf kannte, den ersten induction course – mit großem Erfolg. „Die Rahmenbedingungen waren sehr einfach“, erinnert sich Herzmann. „Die meisten Interessenten kamen mit Schlafsack und Isomatte, abends gab es Pizza, die wir selbst holen mussten. Aber die Teilnehmer haben gemerkt, dass wir mit Leidenschaft dabei waren. Es hat allen großen Spaß gemacht.“
Das Engagement der jungen Mediziner hat die älteren Mitglieder der AGMS überzeugt. Jedes Jahr im August findet seitdem ein dreitägiger induction course statt. Inzwischen sind es mehr als vierzig Teilnehmer, die sich mit Vorträgen, Workshops und praktischen Übungen auf den Arbeitsalltag in England vorbereiten. Schlafsack und Isomatte muss niemand mehr mitbringen. Im vergangenen Jahr waren die jungen Mediziner aus Deutschland, Österreich und der Schweiz in Unterkünften der University of East London untergebracht: kein Luxushotel, aber zweckmäßig und praktisch. „Die Unterkunft war mal was ganz anderes“, fand Dr. med. Nikola Kern, die ab April als SHO in London arbeiten wird. „Die Zimmer waren wie kleine Kajüten mit Bullaugen – ich habe mich wie auf einer Kreuzfahrt gefühlt.“ Doch nicht nur die Unterbringung hat der angehenden Psychiaterin gefallen: „Der Kurs hat meine Erwartungen übertroffen. Wir lernten das britische Gesundheitssystem kennen, konnten Kontakt zu englischen und deutschen Ärzten knüpfen und bekamen viele praktische Tipps.“ Dr. med. Alexander Zoufaly, der seit kurzem als HO in Norfolk arbeitet, haben vor allem die Workshops begeistert. „Es wurden typische Arbeitstage durchgespielt.“ Besonders gefallen hat dem jungen Österreicher ein Workshop, in dem der Umgang mit englischen Krankenschwestern gelehrt wurde: „Eine Tutorin spielte eine absolut nervige Stationsschwester und simulierte einen Anruf während eines Nachtdienstes. Wir sollten lernen, wie wir antworten und unnötiges Aufstehen vermeiden können. Jetzt im Krankenhaus merke ich, dass es keinesfalls übertrieben war, sondern dass englische Schwestern wirklich so penetrant sein können.“

„Moderne Kajüten mit Bullaugen“: Die Teilnehmer übernachten in Unterkünften der University of East London.

Für Initiator Christian Herzmann sind die Workshops ein ideales Mittel, um die Teilnehmer auf den Alltag in einem englischen Krankenhaus vorzubereiten. In Kurzvorträgen werden zunächst Grundkenntnisse über den Stationsalltag, über den Umgang mit Patienten und Kollegen vermittelt. In Kleingruppen sollen die angehenden Ärzte danach das Gelernte in praktischen Übungen umsetzen. „Jeder muss aktiv an den Workshops teilnehmen“, erklärt Christian Herzmann. „Wir konfrontieren die Teilnehmer mit echten Situationen aus dem Stationsalltag: Mal muss einer als Dienstarzt eine Notfallsituation meistern, die Teilnehmer müssen Patienten aufnehmen und dem Dienstälteren vorstellen. Dabei machen die Tutoren als Patienten oder Oberärzte es den zukünftigen Ärzten nicht immer einfach: Mal spricht ein ,Patient‘ mit einem unverständlichen nordenglischen Akzent, mal will der ,Oberarzt‘ alles über das Krankheitsbild mit sämtlichen Differenzialdiagnosen wissen, mal gilt es, einen völlig verwirrten ,Patienten‘ zu befragen.“
Wer in England arbeiten will, sollte die Grundlagen des Gesundheitssystems kennen. Vor- und Nachteile des National Health Service und die Konsequenzen für die Patientenversorgung werden ebenso besprochen wie die Rolle des Allgemeinarztes (General Practitioner, GP) in der primären Gesundheitsversorgung. Für angehende GPs haben die Initiatoren spezielle Workshops konzipiert, in denen die Ärzte GP-Praxen in London besuchen und sich vor Ort informieren können. Auch mangelnde Sprachkenntnisse müssen kein Hindernis für eine Bewerbung sein. „Bei meinem ersten Bewerbungsgespräch hat mich der consultant gefragt, ob ich mir denn zutraue, hier zurechtzukommen, da mein Englisch ziemlich rostig sei“, erinnert sich Dr. Marcus Simmgen schmunzelnd in seinem Vortrag über Karriereplanung. „Die Stelle habe ich aber trotzdem bekommen.“ Kontakte knüpfen und mögliche Arbeitgeber finden können die Teilnehmer nicht nur auf der zwischen den Vorträgen stattfindenden Career Fair, sondern auch im persönlichen Gespräch mit Referenten und Tutoren bei gutem Essen in abendlicher Runde – und hierfür muss man nicht einmal eine Krawatte anlegen. Dr. med. Felicitas Witte

Der nächste induction course findet vom 30. Juli bis 1. August 2004 in London statt und kostet 180 Euro für Studierende/AiP und 280 Euro für approbierte Ärzte. Die Teilnahmegebühren schließen Essen, Unterkunft und Transport zu den Veranstaltungsorten ein. Weitere Informationen im Internet: www.agms.net. Dort kann man auch das Handbuch „Arzt in Großbritannien“ anfordern.

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