Der Zahnarzt in Australien

Nach der Ausbildung erfährt der Zahnarzt erst einmal die Graduierung zum Allgemeinzahnarzt. Auf eine Weiterbildung bzw. Spezialisierung wird jedoch großen Wert gelegt – die Kliniken sind alle sehr gut für die Postgraduierten-Ausbildung präpariert. Es gibt Spezialisten für praktisch jede einzelne Disziplin: Endodontie, Parodontologie, Prothetik, usw.
Deutschstämmige Zahnärzte findet man auch in Australien, allerdings besteht hier eine gewisse Hürde: da die Studienabschlüsse nicht gegenseitig anerkannt sind, muss man, wenn man als deutscher Zahnarzt in Australien tätig werden will (Zulassungsbeschränkungen gibt es nicht), eine Prüfung ablegen, die jedoch relativ leicht zu bewältigen ist. Sprachkenntnisse, insbesondere der Fachausdrücke, sind allerdings unverzichtbar.
Zahnärztliche Kollegen aus Großbritannien bzw. Irland müssen keine Prüfung ablegen. Dies legt nahe, dass man, wenn man als deutscher Zahnarzt plant, nach Australien auszuwandern, erst einmal in England tätig wird. Da lernt man die Sprache (ist ja nützlich), lässt sich als Zahnarzt registrieren und sollte so die Hürde umgehen können.

Derzeit sind australienweit etwa 8000 Zahnärzte tätig, davon sind cá 80 als „Endodontists“ qualifiziert.
Die Ausbildung der Australier kann als gut bezeichnet werden, allerdings klagen auch dort die Universitäten über zu hohe Studentenzahlen; beispielsweise sind in Sydney pro Semester 90 Studierende eingeschrieben.

Die Bezahlung eines Zahnarztes an der Klinik ist eher dürftig: der Anfänger erhält ein Monatssalär von 1500 A$, das bis zu einem Maximum von 7000 A$ je nach Betriebszugehörigkeit gesteigert wird. Das Patientengut der Kliniken stellt sich vorwiegend aus Sozialfällen, die über Medicare finanziert werden. In Sydney stellen diese Sozialfälle etwa 40 Prozent der Patienten.

Die Klinken sind gut bis sehr gut ausgestattet, zumeist mit Geräten und Instrumenten aus deutscher Fertigung. Allerdings sind häufig auch Behandlungsstühle amerikanischer Hersteller zu sehen, dies wohl vor allem deren Unkompliziertheit wegen. Turbinen, andere rotierende Instrumente usw. sind dann jedoch „Made in Germany“.
Interessant ist, dass in den Abteilungen für Endodontie (die gehören dort nicht zur allgemeinen konservierenden Abteilung) an jedem Arbeitsplatz ein Mikroskop steht – man nimmt es schon genau mit der Weiterbildung.

Die Patientenfälle lassen durchaus Vergleiche mit deutschen Verhältnissen zu: weit verbreitet ist die Parodontitis (obgleich in Australien strenges Rauchverbot – Rauchen ist der Hauptrisikofaktor für PAR – in allen öffentlichen Gebäuden besteht, es ist immer wieder amüsant, die Raucher vor den Türen stehen zu sehen, wo sie Ihrem Laster frönen, selbstverständlich außerhalb ihrer Arbeitszeit). Dabei kommt eben auch zum Tragen, dass es sich bei den Sozialfällen naturgemäß um Angehörige der sozialen Unterschicht handelt, und die Zusammenhänge von Gesundheit/Zahngesundheit und Schichtzugehörigkeit wurden ja auch hierzulande gefunden.

Die Versorgung der breiten Bevölkerung ist, dem Augenschein nach, nicht schlechter als in Deutschland. Man kann nicht auf den ersten Blick an den Zähnen sehen, welcher Schicht das Gegenüber angehört. Das entkräftet ja wohl das Argument der deutschen Sozialpolitiker, man müsse die Zahnmedizin im staatlichen Gesundheitssystem halten – bei aller Zufälligkeit, die bei einem spontanen Kliniksbesuch gegeben ist, die Patienten scheinen sogar etwas besser versorgt als wir das kennen. Dabei ist die Patientenauswahl sicher nicht positiv: Drogensüchtige, Neuzuwanderer aus Entwicklungsländern, Obdachlose – die 40 Prozent Patientenanteil, zugewiesen durch Medicare, prägen bevorzugt das Bild. Und denen wird auf sehr hohem Niveau geholfen!

Interessant ist, dass in Australien überhaupt keine Vorbehalte gegen Amalgam bestehen, man belächelt hier die deutsche Hysterie. Sozialpatienten erhalten ganz selbstverständlich Amalgamfüllungen.
Aus Australien stammt auch eine der umfangreichsten Studien zur Haltbarkeit von Füllungen, wobei man hier keine Unterschiede zwischen Amalgam und Kunststoff gefunden hat. Vielleicht liegt das ja am Honorarsystem?

Honorar-Beispiel Füllung: In Victoria (Bundesstaat im Süden mit der Hauptstadt Melbourne) wird von Medicare (!) für eine mehrflächige Amalgamfüllung ein Honorar von 133,95 A$ (Stand ab 1.Juli 2004) fällig. Davon soll der Patient einen Eigenanteil von 19 A$ tragen, der Staat zahlt dem Zahnarzt folglich 114,95 A$. Bei derzeitigem Umrechnungskurs bedeutet dies ein Honorar in Höhe von 79 €.
Adhäsivfüllungen werden deutlich besser bewertet, hier werden dann bei der mehrflächigen Füllung 171,70 A$ fällig (Eigenanteil Patient 24 A$).

Die zitierten Honorare sind, das ist zu betonen, Minimalhonorare, die von Medicare für sozial Schwache bezahlt werden. Der normale Bürger zahlt dafür teilweise erheblich mehr.
So wird für die endodontische Therapie eines Molaren insgesamt die Summe von 2000 A$ fällig (entspricht 1180 €), bei Sozialpatienten ist in der Liste des Bundesstaates Victoria nur die Exstirpation der Pulpa bzw. die Entfernung nekrotischen Gewebes erfasst, zu 86,70 A$ je Kanal. Weitere Leistungen müssen dann vollkommen privat bezahlt werden.
Die Kurzuntersuchung wird vom Staat mit 17,30 A$ verhältnismäßig kümmerlich honoriert, vergleicht man dies mit den anderen Honorarpositionen. Allerdings entspricht dies im Leistungsumfang unserer „Ä1“, und da können sich die Australier dann wieder nicht beklagen.
Der Endodontist, um ein Beispiel eines Spezialisten herauszugreifen, behandelt täglich etwa 10 bis 15 Patienten und macht damit einen Jahresumsatz von 1 Mio A$. Dies wird als durchaus angemessen angesehen. Immerhin hat er für seine Spezialisierung 3 Jahre Postgraduiertenausbildung betreiben müssen.

Auch die Relation Zahnarzthonorar/Zahntechnikerkosten scheint in Australien in Ordnung: man zahlt dem Dentallabor beispielsweise für eine VMK-Krone 200 A$ (insgesamt), verlangt dann vom Patienten aber 850 A$ (Gesamtkosten). Der Zahnarzt verhandelt direkt mit dem Patienten und rechnet die Laborkosten als interne Kosten. Der Prothetik-Spezialist nimmt allerdings für die Krone dann 1100 A$, die Vollkrone ist billiger zu haben, für 1050 A$ (Spezialistenpreis).

Die Praxen sind in Australien nicht auf Kurztermine mit Patientenmassen ausgelegt. Endodontisten haben meist nur einen Behandlungsstuhl und Allgemeinzahnärzte maximal zwei Einheiten, an denen sie arbeiten. Die Arbeit am Patienten ist locker und ohne Zeitdruck, das Personal ist sehr freundlich und leistungsorientiert.

Es ist auch, trotz der geringen Arbeitslosenrate, überhaupt nicht schwierig, gut motivierte, gut aussehende und qualifizierte Mitarbeiterinnen zu bekommen – anders als bei uns, wo man (Beispiel München) kaum andere Azubis als mit schlechtem Hauptschulabschluss bekommt.

Alles in allem ist die Welt des Zahnarztes in Australien also in Ordnung, wobei bestimmte Auffälligkeiten nicht unerwähnt bleiben sollen.
So ist es vollkommen üblich (auch an den Kliniken), Röntgenfilme manuell zu entwickeln (dies wäre bei uns rechtswidrig), und im Staat New South Wales beispielsweise gibt es die Trinkwasserfluoriderung, obgleich internationale Studienergebnisse gezeigt haben, dass Fluorid nicht systemisch, sondern topisch wirkt und deshalb die TWF schlechter abschneidet als die lokale Fluoridapplikation.
Allerdings, dies sollte eingeräumt werden, gegen die TWF können sich auch Angehörige der Unterschicht nicht wehren – damit hat man natürlich Erfolge in der Kariesprävention (wie Prof. Felix Lutz, Zürich einmal ausdrückte: „Wenn man mit der Gießkanne Fluorid über die Leute kippt wird man natürlich weniger Karies haben!“)…

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